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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Das Gewerbe.

Aleinwächter für die Wissenschaft erst entdeckt! sind nicht, wieman vielfach angenommen hat, Notstandskinder. Nicht die Zeitenschwerster Depression sind es (wie man denken könnte), in denensich die einzelnen Unternehmer eines Gewerbezweiges bereit finden,über Preise und ähnliche Dinge Vereinbarungen zu treffen (insolchen Zeiten hofft vielmehr jeder doch wohl noch eher auf eigeneFaust sich durchschlagen zu können), sondern gerade die Zeiten desAufschwunges, wenn also ein Absatz auch zu höheren Preisen, alssie den Produktionskosten entsprechen, gesichert erscheint. InDeutschland waren es vornehmlich die Jahre des wirtschaftlichenAufschwunges von 1888 bis 1891, in denen die meisten der nochbestehenden Kartelle gegründet wurden (nach den BerechnungenLiefmanns bestanden in Deutschland vor 1865 4, vor 1875 8,vor 1885 90, dagegen 1890 bereits 210) und ist es dieHansseperiode von 1895 bis 1900 gewesen, in denen das Kartell-ivesen bei uns zu einer bis dahin völlig unbekannten Bedeutunggelangt ist.

Leider ist das, was man von Ausdehnung und Art, Ur-sachen und Wirkungen der Syndikate bei uns weiß, sowenig,daß sich kaum etwas Zuverlässiges über sie aussagen läßt. Un-begreiflicherweise hüllt unser Unternehmertum, und was ihm be-zahlte Dienste leistet, alles, was mit dem Kartellwesen im Zu-sammenhange steht, in einen undurchdringlichen Schleier. VonKartellen mit Draußeustehenden zu sprechen, gilt schon als ver-dächtig und gefährlich; gar Studien über das Geschäftsgebarender Syndikate werden geradezu verabscheut und gefürchtet. Alsob es sich um geheime Spielergesellschaften oder Verbände vonFalschmünzern handelte; und als ob Dinge vor sich gingen, dieman dem hellen Tageslichte nicht aussetzen möchte. Warum dasaber, wenn man doch (wie ich annehme und wie jeder Unbefangenemit mir zuuächst als selbstverständlich voraussetzen wird) nichts zuverbergen hat.

Genug für den Historiker der deutschen Volkswirtschaftergibt sich aus dieser Sachlage die mißliche Folge, daß er an einerder wichtigsten Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens miteinigen allgemeinen Bemerkungen vorübergehen muß.