Wenn ich es nun aber auch für meine Pflicht hielt, eineroberflächlichen und bei viele»? verbreiteten Anschauung entgegen-zutreten, die ohne rechte Kenntnis der Sachlage eine Theorievon zunehmender „Differenzierung" der nationalen Wirtschaften,von dem Anwachsen weltwirtschaftlicher Organisation und der-gleichen schonen Dingen sich zurecht gezimmert hat, so liegtmir, wie ich kaum ausdrücklich hervorzuheben nötig habeu sollte,nichts ferner, als die tiefgreifende» Änderungen ableugnen zuwollen, die die Beziehungen der deutschen Volkswirtschaft zumAuslande während des verflossenen Jahrhunderts erfahren haben.Nur daß ich sie eben ganz wo anders sehe, als die meisten, dieüber diese Dinge geschrieben haben.
Wenn ich die Wandlung, die das neunzehnte Jahrhundert fürDeutschland in seinem Verhältnis zu den fremden Wirtschafts-gebieten gebracht hat, in einem Schlagwvrte zusammenfassen wollte,so würde ich etwa sagen: Deutschland ist in diesen hundertJahren aus einem Ausfuhrlands ein Einfuhrland ge-worden. Mit dieser Formel ersetze ich die übliche Wendung:es sei aus.einem Agrarstaate ein Judustriestaat geworden. Ichkönnte auch sagen: Deutschland habe sich aus einem Bodenlandein ein Arbeitsland, aus einem Naturlande in ein Kunstland ver-wandelt. Aber die Hauptsache bleibt ja doch, daß ich erkläre, wasich im Sinne habe.
Unter einem Ausfuhr lande verstehe ich ein Land, das dengesainten eigenen Bedarf an Nahrungsmitteln uud Produktions-mitteln durch Eigeuerzeuguug deckt und darüber hinaus einenTeil seiner aus eigenen Mitteln gewonnenen Erzeugnisse fremdenLändern abgibt. In vhysiokratischer Ausdrucksweise würde dieslauten: ein Land, das einen Teil seines ?roäait net, exportiert.Fürchtete ich nicht mißverstanden und des Abfalls von dem alleinseligmachenden Glauben aller wissenschaftlichen Nationalökonomen(deren Bekenntnis lautet: „ich glaube, tkat tlie armuick labour okevör^ Nation is tlls kur>ä >vlcko1r usw.") geziehen zu werden, sokönnte ich auch sagen: ein Ausfuhrland ist dasjenige, welches Teileseines Bodenertrages gegen andere Bodenerträge oder gegen Arbeit— kürzer: welches Boden gegen Boden, oder Boden gegen Arbeit