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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Wirtschaft und Kultur.

gleiche und die Ursachen sind es auch. Gewiß sind auch in frühererZeit Veränderungen der gedachten Art erfolgt. Aber was unsereEpoche wiederum auszeichnet, ist die Mannhaftigkeit und damitdie Schnelligkeit des Wechsels. Ein Kleidungsstiich eiu Schmuck-gegenstand, ein Möbel, ein Fahrrad, eine Lampe, eine Maschine,ein Medikament, eine Reproduktionstechnik, eine Blumenart, kurzwas auch immer der Kapitalismus iu deu Strudel seines Ver-wertungsbedürfnisses zu ziehen vermag (nnd was wäre das nicht!)kann sicher sein, in 10, in S, in 1 Jahre die Lebensdauer dereinzelnen Formen ist verschieden lang- dem mitleidigen Achsel-zucken der in ihren Anforderungen auf der Höhe ihrer Zeit stehendenKundschaft zu begegnen.

Sorgt so der Kapitalismus dafür, daß die Gestalt der Dinge,über die sich unsere Verfügnngsgewalt erstreckt, unausgesetztemWechsel unterworfen ist und erzeugt er damit wenn wir unsin die Seele eines Gebrauchsgntes versetzen! ein Gefühl derUnsicherheit in der Güterwelt, wie sie keine Zeit zuvor je gekannthat ein Andersen würde ein sinniges Märchen schreiben können,das das Hangen und Bangen des einzelnen Gutes, ob es dasMorgen noch erleben wird, ergreifend zur Darstellung zu bringenhätte so hat er auch den steten Wandel in dem Besitz-verhältnis der Menschen znr Güterwelt im Gefolge gehabt.Nicht nur wie die Dinge ausschauen, die wir morgen gebrauchenwerden, ist unsicher geworden, sondern ebenso anch, ob und inwelchen Mengen wir sie werden nutzen können. Man kann hier,wenn man den Wandel in dem quantitativen Anteil, den die ein-zelnen Menschen an der Güterwelt nehmen, in seinem Verlaufeüberblickt, von einem steten Besitzwechsel reden; besser jedoch wirddiese Form des Wechsels vom Standpunkte eines gegebenen Ver-teilungsverhältnisses aus als Unsicherheit der Existenz (für deneinzelnen) bezeichnet.

Man könnte in Zweifel kommen, ob die Existenzunsicherheitwährend der letzten hundert Jahre wirklich zugenommen habe. Esbildet bekanntlich eine ?iecs äs r^sistanes in der Apologetik desherrschenden Wirtschaftssystems der Hinweis darauf, daß durch dieVervollkommnung der Verkehrsmittel das Gespenst der HnngerSnot