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Wirtschaft und Kultur.
In dem Maße, wie sich die einzelne Wirtschaft mit andern zueinem gemeinsamen Werke verschlingt, in dem Maße wird sie auchimmer mehr abhängig von Vorgängen und Ereignissen, die außer-halb ihrer Verfügungsgewalt liegen, wird sie unfreier, unsicherer.Die Verkäuflichkeit ihrer Ware zu lohnenden Preisen wird nichtmehr von der Kauffähigkeit einer oder zweier, sondern Hunderteroder taufender anderer Wirtschaftssubjekte bestimmt. Die Ent-wickelung des Kredits, die unausgesetzte Vervollkommnung derTechnik erhöhen das Maß von Unsicherheit für die einzelne Wirt-schaft. Was ja alles bekannte Dinge sind. Nun brauchen wiruus aber nur zu erinuern, daß der wesentliche Inhalt der ökono-mischen Entwickelung während des verflossenen Jahrhunderts ge-bildet wird: durch Verallgemeinerung marktmäßiger Produktion,zunehmende Spezialisierung, das heißt also Differenziieruug, iuzahlreichen Gebieteil des Wirtschaftslebens, Revolutioniernng derPrvduktions- nnd Verkehrstechnik, Ausdehnuug der Kreditwirtschast,um eiuzuseheu, daß das Wirtschaften heute ein unendlich viel un-sichereres Ding ist als vor hundert Jahren. Und was abermals einKennzeichen unserer Zeit ist: die Allgemeinheit der Unsicher-heit, die Unsicherheit en ma-sss. Vor hundert Jahren mochtenja auch schon die schlesischen Leinenproduzenten oder die Woll-exporteure in den Seestädten die Launen des Marktes, die wirals Konjunktur bezeichnen, kennen gelernt haben. Aber die großeMehrzahl der Wirtschaftssubjekte lebte doch in gesicherten Ver-hältnissen, die meisten Gutsbesitzer, Bauern, Handwerker, Krämerschvben ihren Karren in denselben Geleisen weiter, in denen erseit Jahrhunderten lief. Nun geht das Gespenst des „wirtschaft-lichen Ruins" iu den entlegensten Alpentälern um, es hockt beidem kleinen Krämer hinter dem Ladeiltische, auf der Hobelbankdes Handwerkers und schreckt den ostelbischen Gutsbesitzer, wenner zur Jagd ausreitet.
Aber mit der Wirtschaft kommt auch der Besitz iuSSchwanken, der sich heute mehr als ehedem mit jener verknüpft.Auch der Besitz wird der Konjunktur des Marktes unterworfen: welcheine Wandlung! Das echte, alte Eigentumsgefühl, wie es freilichnur auf der eigenen Scholle erwachsen konnte, das den Besitz so lange