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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
Entstehung
Seite
505
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Trotzdem ist der Wohlstand in allen Schichten beträchtlich gestiegen, zyz

Derselbe Gewährsmann berichtet uns, daß in Schlesien durchden Studien- und Erziehuugsplan von 1801 jedem katholischenLandschullehrer, der im Semiuarium gewesen war, jährlich alsMinimum seines Einkommens versprochen (!) wurde:

50 Taler bar Geld;15 Scheffel Getreide;3 Scheffel Küchenspeise;frei Holz und Wohnung;1 Scheffel Aussaat an Gartenland;Grüserei sür 2 Stück Riudvieh und 1 Stück Schwarzvieh.

Wie man sieht, wurde als selbstverständlich angenommendaß der Volksbildner nebenher Landwirtschaft betrieb. Im Jahre1896 betrug das durchschnittliche Gesamteinkommen für Land-schullehrer iu Schlesien 1287 Mk.

Ganz ähnliche Vergleiche ließen sich für die meisten übrigenBeamtenkategorien anstellen.

Wie man schon aus diesen wenigen Andeutungen, die ichüber die Einkommensverteilung im neunzehnten Jahrhundert ge-macht habe, ersehen haben wird, schaut die Sache ganz andersaus, je nach dem Standpunkte, von dem aus man sie betrachtet.Das hat es bewirkt, daß in der Diskussion über dieses Problemdie verschiedensten und häufig entgegengesetzte Meinungen ver-treten sind, und zwar zweifellos in vielen Fällen mit vollem Recht.

Sagt einer: die pekuniäre Lage der Volksschullehrer ist heuteviel güustiger als vor hundert Jahren, so ist das richtig; sagteiner: die arbeitenden Klassen beziehen heute durchschnittlich einhöheres Einkommen als vor hundert Jahren, so ist das richtig;sagt einer: der gesteigerte Wohlstand ist vornehmlich den Reichenzugute gekommen, so ist das richtig; sagt einer: die Eiukommens-verteilung ist heute ungleicher als vor hundert Jahren, so ist dasrichtig; sagt einer: die ganze ökonomische Entwickelung ist für dieKatze gewesen, denn im großen Ganzen lebt die Menge heute nochebenso kümmerlich wie ehedem, oder auch: denn es gibt heute vielmehr armselige Existenzen (sage Leute mit weniger als 900 Mk.Einkommen), so ist das richtig. Und so ließen sich die richtigen,