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Die sozialen Klassen.
hingereicht, um das Proletariat immer mehr davon zu überzeugen,daß der ersehnte Zustand nicht erträumt, auch nicht ertrotzt werdenkann, sondern erarbeitet werden müsse. Das hat einer großen,politischen Arbeiterpartei ihre Daseinsberechtigung verschafft, dashat der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung, wie wir sie nennen,zu kräftigem Leben verholsen.
Millionen folgen heute bei den Wahlen dem Rufe der Sozial-demokratie, die ja doch immer die Arbeiterpartei schlechthinbleiben wird, um Männern ihre Stimme zu geben, die in müh-seligem Ringen Gesetzgebung und Verwaltung im Interesse desProletariats umzugestalten bemüht sind. Der Zauber des erstenleidenschaftlichen Aufstrebens ist freilich dahin. Den Geist, der voneiner kleinen Schar begeisterter Revolutionshelden ausging, ver-mag eine Reformpartei, die nach Millionen zählt, nicht mehr auf-zubringen. Auch hier hat die Quantität die Qualität ersetzenmüssen. Auch die „soziale Bewegung" ist dem allgemeinen Schick-sale zum Opfer gefallen und ist langweilig geworden, in dem Maßewie sie praktisch wurde. Wollte sie etwas erreichen, in dem heutigentechnisch komplizierten Gesellschaftsleben, so mußte sie alle Spitzenabbrechen, alle großen Prinzipien fahren lassen. Sie mußte diegeistreichen Leute unschädlich machen, um tüchtige Routiniers anihre Stelle zu setzen: was sollte Marx heute in der Redaktion der„Neuen Zeit" oder gar der „Sozialistischen Monatshefte", wassollte Lassalle im Reichstage anfangen! Ob „orthodox", ob „revisio-nistisch": aus der alten Sekte der Utopisten, Revolutionäre undPrinzipienreiter ist die große Partei der Opportunisten undAkkommodisten geworden.
Der beste Beweis dafür ist das sieghafte Vordringen dergewerkschaftlichen Arbeiterbewegung, allen Beschwörungender alten Schule zum Trotz. Zu hunderttauseuden strömen dieArbeiter heute unter die Fahne ihrer Gewerkschaft, mag diese vonSozialdemokratie, Zentrum oder Freisinn errichtet sein, um ihreRechte im ehrlichen Kampfe mit dem Unternehmertum«: zu ver-teidigen. Diese Bewegung aber beruht der Idee nach recht eigent-lich auf einem Kompromiß zwischen Sozialismus und Kapita-lismus , oder, wenn mau den Ausdruck vorzieht, auf einer