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Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert / von Werner Sombart
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Das Prestige der Junker in Deutschland .

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Herrn" war aus dein Geiste des Kontors geboren, es war ganzund gar unjunkerlich gedacht. Was deshalb augenblicklich in Deutsch-land bei Gelegenheit der Zolldebatten in Frage steht, ist nicht dasäußerliche: Agrar- oder Industriestaat; sondern das innerliche:kapitalistischer oder seigneurial -haitdwerkerhafter Geist der Wirt-schaftsführuug. Ich sage seigneurial -haudwerkerhafter Geist, deunin der Tat begegnen sich Gentilhommerie und Handwerkertum indiesem Grundgedanken: daß das Auskommen eine gegebene Großesei und uotfalls von den Staatsgewalten auf künstlichem Wegegesichert werden müsse. Es ist nun aber ersichtlich, daß diese Zu-spitzung der Gegensätze, wie wir sie in den letzten Jahrzehntenerleben, das Prestige derjenigen Klasse, die die Führung der großen,in ihrem Geiste organisierten Defensivbewegung aller antiknpita-listischen Elemente und auch aller landwirtschaftlich-kapitalistischenUnternehmer übernommen hat, gewaltig steigern mußte.

Aber diese zufällige Gestaltung der Lage genügt doch wohl nochnicht, um das Politische und gesellschaftliche Ansehen unserer Junker-klasse (wenigstens in Preußeu) zu erkläret?. Dieses hat seinenGrund, wie mir scheinen will, vor allem iu der traurigen Rolle,die die Bourgeoisie in unserm öffentlichen Leben gespielt hat, inderen Unfähigkeit, ein selbständiges Klassenbewußtsein zu entwickeln,in deren gänzlichem Mangel an Willen zur Macht. Ich deutete schonan, womit die Verkümmerung bourgeoisen Wesens in Deutschland in Zusammenhang zu bringen ist. So ist es denn überhaupt uichtdazu gekommen, ein anderes Ideal einer herrschenden Klasse beiuns herauszubilden als dasjenige der Gentilhommerie. Undunserer Bourgeoisie höchstes Ziel ist es geblieben, Junker zuwerden, d. h. sich adeln zu lassen und (soweit es geht!) seigneurialeDenkweise und ritterliche Allüren anzunehmen. Dadurch aber istdie feudale Klasse einem unausgesetzten Verjüngungsprozeß unter-worfen. Sie empfängt immer ueuen Zuzug aus bourgeoisenKreisen, den sie rasch assimiliert. Bei dem Kreuzungsvorgangezwischen Gentilhommerie und Bourgeoisie erweist sich bei uns jeneimmer als das stärkere Element. Ihre Töchter heiraten Klassen-angehörige, ihre Söhne führen der Klasse frisches Blut durch Ver-heiratung mit reichen Erbinnen zn. Die reich gewordenen Bourgeois

Somb a r t, Volkswirtschaft.

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