112 Das Problem der Arbeitslosenfürsorgc,
betrachten, das ist der, weim der Arbeiter arbeiten will,von sich aus auch arbeiten kann, trotzdem aber keine Arbeitfindet, weil keine Nachfrage nach seiner Arbeitskraft vor-handen ist. Dies ist der Fall der „sozialen Arbeits-losigkeit".
Die Arbeitslosigkeit ist eine Begleiterscheinung unsererWirtschaftsordnung. Freilich hat man sie ihrem Umfanguud ihrer Bedeutung nach früher erheblich überschätzt. Erstin der letzten Zeit sind genauere statistische Feststellungengemacht worden, die die frühereil phantastischen Vor-stellungen auf ein richtiges Maß zurückgeführt haben.
Tiefe exakten Ermittlungen haben ergeben, daß dieArbeitslosigkeit in der modernen Volkswirtschaft sich zunächstfast immer uur auf bestimmte Arbeiterkatcgoricn erstreckt,daß sie dagegen andere verschont läßt, bei denen dann so-gar leicht ein chronischer Arbeitermangel die Regel ist. Dassind namentlich die landwirtschaftlichen und zum großenTeil auch die weiblichen Arbeiter. Zu den von regel-mäßiger Arbeitslosigkeit betroffenen Kategorien gehört jedochneben den Handlungsgehilfen auch die uns hier interessierendeGruppe von Lohnarbeitern , das gewerbliche Proletariat.Aber auch in dessen Reihen Pflegt die Arbeitslosigkeit nichtso fürchterliche Dimensionen anzunehmen, als man gemein-hin glaubt. In Zeiten schwerster wirtschaftlicher Depressionwird auf den Jahresdurchschnitt berechnet, von momentanenÜberflutungen des Arbeitsmarktes abgesehen, auch in derSphäre der gewerblichen Arbeit die Arbeitslosigkeit kaum1<)°/o der beschäftigten Arbeiter je erreichen, während inZeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs dieser Prozentsatzauf eiu und weniger Prozent sinkt. So ergibt die Statistikder englischen ?raäs IImons, daß in 15 Jahren — 1888bis 1902 — die höchste Arbeitslosenziffer 7,5°/° war imJahre 1893, während sie 1899 das Minimum von 3,4°/»