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Deutschland zu erklären und es ist denn nun auch nicht all-zu schwer, hier die Kausalkette anzuknüpfen.
In Deutschland wäre zunächst ^ nehmen wir selbst ein-mal an, der Charakter des Deutschen hätte es zugelassenniemals eine in ihrem Kern revolutionäre Bewegung wie diefranzösische um jene Zeit möglich gewesen- Dazu war derAugenblick schon zu spät. Der Revolutionismus im französischenSinne trägt, wie ich schon sagte, den Stempel der Unreife an sich.Er kann nun wohl lange einem Volke im Blute stecken bleiben.Aber er kann nicht in einem so späten Zeitpunkte wie dem,als die deutsche Bewegung anfing, zum Prinzip dieser Be-wegung gemacht werden. Exemplum Italien , dessen Volkdoch gewiß „von Natur" zum Revolutionismus drängt,das sich aber trotzdem den Erfahrungen älterer Länderbeugen muß, wenn auch die innere Natur immer wiederzum Durchbruch drängt.
Auf der anderen Seite war Deutschland , als seine sozialeBewegung einsetzt, ökonomisch noch so unreif — etwa auf demNiveau Englands am Ende des vorigen Jahrhundertsdaß das Zurücktreten der gewerkschaftlichen Bewegung hinterder politischen leicht zu begreifen ist.
Nun aber wäre es doch vielleicht das natürlichere ge-wesen, daß das Proletariat, wenn es schon in eine gesetzlich-Parlamentarische, vorwiegend politische Aktion eintretenwollte: daß es — wie in anderen Ländern geschehen ist —erst einmal Anschluß gesucht hätte bei den vorhandenenOppositionsparteien? Da muß nun hervorgehoben werden,daß es hieran gehindert wurde durch die Unfähigkeit derdamaligen bürgerlichen Parteien zu radikaler Politik unddamit vielleicht zur einstweiligen Absorbierung des Prole-tariats als selbständiger politischer Partei.
Es gehört zu den Erbschaften, die der Liberalismus inDeutschland dem Jahre 1848 verdankt, daß eine seiner her-vorstechenden Charaktereigentümlichkeiten eine seltsameFurchtvor dem roten Gespenst ist. Freilich hat das Proletariat