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allem, was hier geschieht und erstrebt wird, in der Mitteeines jener großen Lebensprozesse der Weltgeschichte stehen,die mit ihrer elementaren Gewalt die menschlichen Dingeund auch die Staaten erfassen, und bei denen es ebenso ver-kehrt ist, sie in kurzsichtiger Beschränktheit zu negieren alssie mit zuletzt ohnmächtigen Mitteln bekämpfen zu wollen"(Lorenz von Stein ). Es giebt wahrhaftig immer noch,Leute, die glauben, die soziale Bewegung sei das boshaftausgeklügelte Werk einiger Agitatoren, oder die Sozialdemo-kratie sei „durch Bismarck grosz gezogen" worden u, dgl.,Leute, die dann natürlich zu dem Wahne gedrängt werden,daß irgend welche Heil- oder Zaubermittel dieses verderb-liche Gift wieder aus dem sozialen Körper beseitigen könnten.Welch' eine Verblendung! Welcher Mangel an Verständnisund Einsicht in das Wesen aller sozialen Geschichte! Wennirgend etwas sich aus meinen Ausführungen ergeben hat,so hoffe ich, ist es die Erkenntnis von der historischen Not-wendigkeit der sozialen Bewegung.
Aber wir müssen noch zu einem weiteren Zugeständnisseuns bewegen lassen: daß nämlich die moderne soziale Be-wegung — in ihren Grundzügen wenigstens — notwendigso da ist, wie sie ist. Unter diesen Grundzügen versteheich das Ziel, das sie sich steckt, das sozialistische Ideal, unddie Mittel, die sie zur Erreichung dieses Zieles wählt, denKlassenkampf. Weshalb sich beide als notwendige Konse-quenz und Folgerung aus den vorhandenen Voraussetzungenergeben müssen, habe ich Ihnen früher zu zeigen versucht.
Soll das nun uns, die wir nicht selber im Kampfe fürdie neue soziale Ordnung stehen, die wir nur bangen für Er-haltung dessen, was uns alleu teuer ist, für die Güter unsererKultur, soll uns das so sehr schmerzen und beängstigen?
Sich über die „Gefahren" eines sozialistischen Zukunfts-staates aufzuregen, halte ich zunächst für wenig angebracht.Wir, die wir wissen, daß alle soziale Ordnung nichtsanderes als der Ausdruck bestimmter ökonomischer Verhält-