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msse ist, werden den kommenden Dingen mit Gleichmut ent-gegensehen: solange jene Bedingungen im Wirtschaftslebennicht gegeben sind, solange vor allem auch die Charaktereigen-schaften der handelnden Personen sich nicht entsprechend um-gestaltet haben, wird keine Macht der Erde, keine Partei, siemag sich noch so revolutionär geberden, eine neue sozialeOrdnung der Menschheit aufzuoktroyieren vermögen. Undwenn jene Bedingungen dereinst einmal erfüllt sind, nun— dann werden wir weiter sehen.
Aber jenes sozialistische Zukunftsideal ist es auch garnicht in erster Linie, was bei so vielen Menschen Beklemmungverursacht. Viel mehr Bedenken und Besorgnisse erregt dieForm, die Art und Weise, wie man dem Ziele zustrebenwill; das Schreckwort für alle Philister männlichen undweiblichen Geschlechts ist: Klassenkampf.
Da musz ich nun gestehen, daß für mich dieser Begriffganz und gar nichts Schreckliches hat, im Gegenteil. Istes denn wirklich wahr, daß, wenn der Kamps auch in derGesellschaft herrscht, man ein für allemal die Hoffnung aufeine weitere, gedeihliche Entwickelung der Menschheit auf-zugeben habe, daß alle Kultur, alle edlen Güter des Menschen-geschlechts durch jenen Kampf gefährdet seien?
Zunächst verscheuche man die Wahnvorstellung, als ob„Klassenkampf" gleichbedeutend wäre mit Bürgerkrieg, mitPetroleum, Dynamit, Stilet und Barrikaden. Die Formendes Klassenkainpfes sind mannigfache. Jeder Gewerkverein,jede sozialdemokratische Wahl, jeder Streik ist eine Er-scheinungsform dieses Kampfes. Und da scheint mir doch,als ob ein solches Sichmessen, ein solches Gegeneinander-prallen der verschiedenen Interessen und Meinungen nicht nurnichts Kulturfeindliches habe, sondern im Gegenteil Quellevieler trefflicher Erscheinungen sei. Mich däucht, auch fürden sozialen Kampf gelte das Wort: „noXe^n? ^«r^p ^r-üv".Nur im Kampfe erschließen sich die schönsten Blüten mensch-lichen Daseins. Der Kampf allein ist es, der immer breitere