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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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sozialpolitischer Standpunkte verwendet: man versuchte nachzuweisen, daß dieBourgeoisie einen größeren Schädel habe als die Arbeiterschaft, also von rechtewegen herrsche und daß im einzelnen sich die Hirngewichte nach der Stellungauf der sozialen Stufenleiter abstuften. So schrieb der genannte Sozialanthropo-loge Otto Ammon in seinem Buche: Die Gesellschaftsordnung und ihrenatürlichen Grundlagen (1895), Seite 141:Bei den hervorragenden Persönlich-keiten des obersten Standes trifft man außergewöhnlich große Kopfmaße... Die-Tatsache, daß für Arbeiter durchschnittlich kleinere Hutnummern zu liefern sindals für Gebildete, ist mir von einer (!) großen, deutschen Hutfabrik bestätigtworden.

Nach den Wägungen Matiegkas in Prag ( dem für die einzelnen Fällezwischen 14 und 129 Gehirne zur Verfügung standen) beträgt das Gewicht desGehirns, der

Tagelöhner (ungelernten Arbeiter)

1410 gr

Maurer

1433

Portiers

1436

Mechaniker (gelernten Arbeiter)

1450

Berufsmusiker, Geschäftsleute

1468

Ärzte und Professoren

1500

Zitiert bei K. V. Müller im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie,Bd. 28 (1935) Seite 212. Zusammenfassend bemerkt der Genannte zu diesemPunkte unter Berufung auf Alfred Ploetz in derKultur der Gegenwart,Band Anthropologie, Seite 598 ff.:Daß zwischen Kopfgröße und Intelligenz deut-lich positive Korrelation besteht, darf als gesichertes Ergebnis der sozialanthro-pologischen Forschung hingestellt werden.

Eine andere Marotte besteht darin, daß man eine Entsprechung zwischen Geistund Leib insofern annimmt, als die Gesamtstruktur des mensch-lichen Gehirns die Bedingungen stellt für die Entfaltung des Geistes.Diesem schnurrigen Gedanken ist seltsamerweise der kluge Bergson anheim-gefallen. Das Tiergehirn sei ein Mechanismus, der die Aufmerksamkeit absor-biert, das menschliche Gehirn ein Mechanismus, von dem man sich frei machenkann.Das vielteiligere Gehirn (des Menschen), das eine größere Anzahl vonMechanismen gegeneinander ins Feld führt, ermöglicht dem Bewußtsein, sich ausder Umschnürung aller zu lösen und zur Unabhängigkeit zu gelangen. Schöpfe-rische Entwicklung, S. 185; vgl. S. 138f.

Die bei weitem bekannteste und wohl auch glaubwürdigste zerebrale Ent-sprechungstheorie ist aber diejenige, die eine Beziehung zwischen einzelnenTeilen des Gehirns und bestimmten geistigen Fähigkeiten annimmt: die so-genannte Lokalisationstheorie.

Sie geht auf Joh. Jos. Gail (17571828) als ihren Begründer zurück, istdann von Joh. K a s p. S p u r z h e i m (17761832) ausgebaut worden, und hatin ihrer frühesten Gestalt den Namen Phrenologie von Dr. Förster er-halten, neben welcher Bezeichnung noch die als Kranioskopie im Schwangegeblieben ist.

Aus der älteren Literatur seien genannt: George Combe , Essay on theConstitution of Man considered in relation to external Objects, 1828, 3. ed. 1835.Deutsch von Ed. H i r s c h f e 1 d u. d. T. Das Wesen des Menschen und sein Ver-hältnis zu der Außenwelt, 1838. Ein seiner Zeit viel gelesenes Buch, in dem die