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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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der eineSymbolik der menschlichen Gestalt mit dem UntertitelHandlung derMenschenkunde (1852, 2. Aufl. 1857), später nochVergleichende Psychologieoder Geschichte der Seele in der Reihenfolge der Tierwelt (1866) schrieb undden viele, darunter nicht zuletzt er selbst, für den ersten erklärten, der einewirklich wissenschaftliche Physiognomik zu geben versuchte, ist eine durchausepigonenhafte Erscheinung. Seine Urteile ersetzen durch Kühnheit, was sie anSachkunde vermissen lassen. Wir werden ihm in anderem Zusammenhänge nochbegegnen. Hier genügt es, wenn ich zwei seiner physiognomischen Weisheitenmitteile:Ein übermäßig ausgedehntes Leibesvolumen wird... stets (!) eineungünstige Prognose für geistige Fähigkeiten gewähren (Paradigmata etwaThomas von Aquin , Luther, Bismarck!) undHelle Haare am Manne deuten aufeinen weiblichen Charakter, dunkle auf einen männlichen. Braunes und schwarzesHaar bezeichnen einen aktiven, rotes und blondes einen passiven Charakter(!).

Dagegen erlebt die Physiognomik im letzten Menschenalter, namentlich inDeutschland , eine neue Blütezeit, und zwar in Anlehnung an einen Wis-senszweig, der heute in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses gerückt ist:der Rassenkunde. Man benutzt die Physiognomik, um die Eigenarten der ver-schiedenen Rassen, die man jetzt auch innerhalb der Menschen gleicher Haut-farbe unterscheidet, zu kennzeichnen. Hier sind zu nennen vor allem die zahl-reichen, gehaltvollen Werke von Hans F. K. Günther, sodann das anmutigeBüchlein von L. F. C 1 a u s s , Rasse und Seele, 8. Aufl. 1936, auch die phantastischeSchrift von Friedrich Märker, Typen. Grundlagen der Charakterkunde.1930.

Diese und ähnliche Veröffentlichungen, deren es noch viele andere gibt, zeich-nen sich durch einen ungewöhnlich reichen Schmuck an teilweise ganz vorzüg-lichen photographischen Abbildungen aus, und es scheint mir, als ob die hoch-entwickelte photographische Technik einen Hauptanlaß zur Wiederbelebung derPhysiognomik geboten habe. Diese lehnt sich in den Zeiten ihrer Hochblüteimmer an eine neu aufgekommene Technik der Bildwiedergabe an: im 16. Jahr-hundert war es der Holzschnitt, im 18. Jahrhundert die Silhouette, im 19. und20. Jahrhundert die Photographie, denen die Physiognomik jeweils ihre Beliebt-heit verdankte und verdankt.

Gegen diese allzu weit gehende und kritiklose Verwendung der Photographiehat L. K 1 a g e s, der ihrem Banne nicht verfallen ist, sondern seine eigenen, zumTeil bahnbrechenden Wege geht und heute als der hervorragendste Physiogno-miker gelten darf, meines Erachtens mit Recht Bedenken geltend gemacht, wenner schreibt:Die von Duchenne und Darwin übernommene Gewohnheitder Forscher, mit dem Lichtbild zu argumentieren als ob es das Vorbild wäre,hat das zielgerechte Eindringen weit mehr erschwert als gefördert. Vom Bildedes Ausdrucks tatsächlich ein Nachbild zu fangen, vermag nicht die Kamera, son-dern allein der es Miterlebende und dank seinem Miterleben den ,fruchtbarenAugenblick erhaschende Bildner (Zeichner, Maler, Plastiker), dem es gegeben ist,in wenig sprechende Linien zusammenzuziehen die stets nur in einer Abfolgevon Linie und Bewegungen kommende Wesenswirklichkeit. L. K 1 a g e s ,Wissenschaft vom Ausdruck (1936), 74/75.

Wenn wir uns nun, nachdem wir die verschiedenen Entsprechungstheorienin ihrem Entwicklungsgänge kennengelernt haben, die Frage vorlegen, wie