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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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wir selbst uns dem Problem gegenüber verhalten sollen, so müssen wir dieseszunächst richtig zu stellen versuchen. Und zwar in grundsätzlicher Form.Nur diese geht uns an dieser Stelle etwas an, während ich alle Fragen, diesich auf die verschiedene Gestalt der einzelnen Menschen beziehen, der Er-örterung im zweiten Teile dieses Buches siehe dessen Ersten Abschnitt Vorbehalte.

Offenbar hat die Lösung des Entsprechungs-Problems zur Voraussetzungeine richtige Auffassung von der Gesamtstruktur des menschlichen Wesens.Wir haben festgestellt, daß die richtige Auffassung allein in der Annahmeeiner Drei-Teilung des Menschen besteht, der sich danach ausLeib, Seele und Geist zusammensetzt.

Für alle Denker nun, aus deren Betrachtung der Begriff des Geistes ver-schwunden war und heute noch ist, haben sich alle Probleme der Entspre-chung verzerrt; ihre Lösung ist den Geistblinden versagt. Denn mit demGegensatz von Leib und Seele allein kommt man in der Behandlung der auf-geworfenen Frage nicht weiter. Stellt man sich aber auf den richtigen Stand-punkt der Dreiteilung, so verschwinden alle Schwierigkeiten von selbst.

Da ergibt sich zunächst, daß es für die Beziehungen zwischenLeib und Seele ein Entsprechungsproblem überhaupt nicht gibt, daLeib und Seele weder im Verhältnis derParallelität noch derWechsel-wirkung stehen, sondern ein und dasselbe sind.Mein-Leib-ist-meine-Seele,hebt eine sehr schöne Abhandlung Carl Hauptmanns über unsern Ge-genstand an: die alte Wahrheit, die auch schon längst gefunden war: Ari-stoteles besaß sie; die Physiognomiker der Renaissance nicht minder.La disposizion del corpo risponde alle potenze e virtu dell anima, anzilanima e il corpo, con tanta corispondenza samano fra loroGoethe läßt Homunculus - Mephistopheles von einer Ehe zwischen ihnensprechen che luno e cagion del gaudio e del dolor dell altro ... onde percosa necessaria ne segue che in tal corpore se gli conviene tal anima con-venevole alla sua specie lauten die wunderschönen Worte bei DeilaPorta im zweiten Kapitel des ersten Buches seiner Physiognomia humanaam Ende.

Mein Leib ist meine Seele: jeder leibliche Zustand oder Vorgang istseelischer; der Schmerzensschrei i s t der Schmerz, das Juchzen oder Wieherni s t die Freude, das Schweifwedeln ist die Stimmung des Zugetanseins, dasMundlecken i s t der Appetit, das Knurren i s t das Widergefühl, das Zähne-fletschen i s t die Wut usw. Absichtlich habe ich Beispiele aus dem Men-schen- und dem Tierreich durcheinander angeführt, weil für beide das gleichegilt. Ich darf hier also aus jedem sichtbaren Vorgang oder Zustand aufeinen unsichtbaren seelischen schließen. Und kann die jedesmalige