Entsprechung durch längere Beobachtung feststellen — genau wie einenNaturvorgang, den ich nicht „verstehe“. Die Regelmäßigkeit der Wieder-kehr legt mir die Vermutung nahe, daß der Mensch, der schmerzvollschreit, Schmerzen hat, daß der Hund, der die Zähne fletscht, etwas gegenmich im Schilde führt (wobei ich mich auch irren kann). Daß die häufigwiederholte „Ausdrucksbewegung“ sich dem Leibe einpräge, ist ebenfallseine Feststellung, zu der mich die häufige Beobachtung berechtigt.
Etwas anders — aber noch auf derselben Ebene ■— liegt die Frage: obeine ganze Leibeskonstitution einem ganzen seelischenHabitus entspreche, also der Pykniker ein frohes Gemüt, der Hagere einumdüstertes Gemüt regelmäßig aufweise. Auch hier sind wir geneigt, eine„notwendige“ — notwendig immer nur im Sinne der naturgesetzlichen Not-wendigkeit gedacht — Entsprechung anzunehmen: in einem fetten Leibe„wohnt“ wohl auch eine fette Seele (wie beim Mops), in einem hageren einehagere (wie bei der Hyäne). Hier kann die „Korrelationsstatistik“ nochschöne Erfolge erzielen. Daß wir nie zu einem Verstehen kommen werden,wurde schon erwähnt.
Ganz eine andere Frage — eine Frage, die auf einer grundsätzlich anderenEbene liegt — ist nun aber die: ob auch dem Geist eine bestimmte, leib-seelische Verfassung entspricht, und ob wir von dieser Entsprechung Kennt-nis erlangen können, wie alle die angeführten Theorien behaupten.
Wenn wir auf diese Frage eine Antwort zu geben unternehmen, so werdenwir die verschiedenen Theorien, wenigstens die drei Gruppen, gesondert aufihre Richtigkeit hin prüfen müssen. Ich beginne mit der letzten Gruppe: denphysiognomischen Theorien. Hier würde also die Frage lauten:wie sich der Geist in der leiblichen Gestalt ausdrücke und wie wir diesenAusdruck in Erfahrung bringen können.
Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns folgenden Tat-bestand klar machen: Geist äußert sich, teilt sich uns mit niemals auf direk-tem, sondern immer nur auf indirektem Wege: nicht durch den natürlichenAusdruck, sondern durch Zeichen, die etwas „bedeuten“; wir können auchsagen: Geist kann nicht durch Leib und Seele ausgedrückt werden, sondernimmer wieder nur durch Geist: das gilt für das Erfassen des Geistes inunserm Innern durch uns selbst wie auch für die Mitteilung des Geistes anandere. Die übliche Zeichengebung ist die Sprache. Aber es können auchandere Zeichen sein, die als Symbole dienen; unter diesen auch Leibesbewe-gungen: Anlächeln — Händedruck — Augenaufschlag — Faustballen —■Falten der Hände — Kopfnicken oder -schütteln und andere. Immer aber— das ist die Hauptsache — muß durch Konvention (Uebereinkunft) fest-gestellt sein, was diese Zeichen „bedeuten“.