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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Wenn Kant (Anthropologie § 79) z.B. das Kopfnicken als Zeichen desBejahens, das Kopfschütteln als Zeichen des Verneinens rechnet unter dievon der Natur konstituierten Gebärdungen, durch welche sich Menschenvon allen Gattungen und Klimaten einander, auch ohne Abrede, verstehen,so irrt der große Mann. Es sind Zeichen, die auf Konvention beruhen,denn siebedeuten bei verschiedenen Völkern verschiedenes. Die Annahme,daß der Geist im Leibe, auch ohne durch Symbole vermittelt zu sein, er-scheinen könne (dem Menschen alsounbewußt) beruht auf einem Irrtumbzw. einer Verwechslung. Wenn man z. B. behauptet, daß man den Geistim Menschen an der Konzentration des Gesichtsausdrucks oder an denver-geistigten Zügen oder an derDenkerstirn erkennen könne, so verwechseltman entweder Geist mit natürlicher Intelligenz (ich kann in seinem Äußerensehr wohl auch einen intelligenten Hund von einem dummen unterscheiden)oder mit der Betätigung irgenwelcher Seelenfunktionen, deren sich der Geistbedient, um lebendig zu werden.

Daß der Geist sich nur in symbolischer Form kundtun könne, müssen wiralso als festen Grundsatz annehmen. Und müssen dort, wo es nicht derFall zu sein scheint (auch von den eben erwähnten Verwechslungen ab-gesehen) voraussetzen, daß ursprünglich eine konventionelle Zeichengebungstattgefunden hat, die dann im Laufe der Zeit vergessen ist, so daß schließ-lich die Leibesbewegung als natürlicher Ausdruck erscheint. Ich denke anLachen und Weinen, die sicherlich einen geistigen Gehalt haben, da sonstdie Tiere auch lachen und weinen würden, und die uns doch heute so natür-lich erscheinen, daß es uns schwer fällt, in ihnen symbolische Zeichen zu er-blicken. Ich denke aber auch an die von Schiller in so meisterhafterWeise gedeuteten Haltungen vonAnmut und Würde. Schillers Grund-gedanke ist bekanntlich der, daß beides Formen des Geistes und nicht derNatur sind, daß also die Anmut im Gegensatz zur naturhaftenarchitekto-nischen Schönheit die Form der geistigen Schönheit sei. Aber auch dieseDeutung setzt voraus, daß ursprünglich in denanmutigen Bewegungender Geist durch konventionelle Zeichen sich kundgetan hat. (Was z. B. in dengraziösen Bewegungen nicht der Fall ist:Grazie die Schiller, wie ichglaube, zu Unrecht mit Anmut gleichsetzt hat zweifellos auch das jungeKätzchen).

Dann nachdem ein konventionelles Zeichen den Geist offenbart hat,kann dieses, wenn es eine Körperbewegung ist (gerade wie bei den natür-lichen Ausdrucksformen oder denstummen Zügen Schillers), durch Wie-derholung sich verfestigen und zum ständigen Merkmal des menschlichenLeibes werden, das (bei der Anmut)die Fertigkeit des Gemüts zu schönenEmpfindungen an den Tag legt, das im stereotypen Augeriaufschlag den