Dritter Abschnitt
Der Werdegang der Einzelperson
Fünfundzwanzigstes Kapitel: Die Problemstellung
Erst in später Stunde fängt der menschliche Geist an, sich wissenschaft-lich mit der Frage zu beschäftigen, wie die Einzelperson „wird“,, „sich ent-wickelt“, „sich bildet“.
Es ist schon ein Zeichen hoher Kultur, daß der einzelne sich überhauptals solcher fühlt und erlebt. Denn das bedeutet, daß er aus dem Verbände,in dem er bis dahin ohne Eigenleben sein Dasein gefristet hatte, heraus-gelöst und verselbständigt wird.
Bis dahin hatte er nur an die Schicksale des Stammes, des Volkes gedacht— nun erscheint ihm das Einzelschicksal als Problem.
Aber auch dann erfaßt er es nicht allsobald als wissenschaftliches Problem.
Vorher geht die Periode der religiös-metaphysischen Deutung: der Menschlebt bewußt das Schicksal, das die Götter ihm auf erlegen; er staunt oft, aberer fragt nicht, er geht die Schuld ein, er sühnt sie, aber er fragt nicht. Ausder geschlechtlichen Verbindung des Sohnes mit der Mutter geht eine Tra-gödie, geht aber keine Ödipus-Komplex-Theorie hervor.
Auch in den großen Erlösungsreligionen erscheint der Einzelne noch ander Hand des allmächtigen Gottes und kein frommer Christ oder Buddhistoder Mohamedaner wird fragen, von welchen natürlichen Umständen denndas Leben des Einzelnen bestimmt wird: Denn das ist die wissenschaftlicheFragestellung.
Erst in dem Maße, in dem die magischen und religiösen Vorstellungen ver-blassen, fängt der Mensch an, nachzudenken über die Frage: was es wohlsei, das sein Schicksal bestimmt, und welche Mächte oder Kräfte wohl dar-über entscheiden, daß sein Leben diese und nicht jene Eigenart aufweist.
Gleichsam eine Vermittlung zwischen dem Glauben an die göttlicheFügung und der Ableitung unseres Geschickes aus natürlichen Umständenist die Deutung unseres Lebenslaufes aus der Konstellation der Himmels-körper: