Dritter Abschnitt
Die Wandlungen des Menschenbildesim Laufe der Geschichte
V orbemerkung
Der Auffassung, die ich im ersten Abschnitte vertreten habe, wonach derMensch ein Geschöpf eigener Art ist, das Kraft des ihm innewohnendenPrinzips des Geistes aus dem Naturgeschehen herausgehoben ist und seineeigenen Bahnen wandelt, hat zu allen Zeiten die entgegengesetzte Auf-fassung gegenübergestanden, nach der der Mensch nichts anderes als einTeil der Natur ist und deren Gesetzen restlos untersteht.
Insofern der Gegensatz der beiden Auffassungen darin zum Ausdruckkommt, daß im einen Falle der Mensch als Mensch, im andern Falle als eineTierspezies angesehen wird, können wir jene als hoministische (zum Unter-schiede von humanistisch), diese als animalistische bezeichnen. Von demEntscheide für eine der beiden Auffassungen hängt die gesamte Einstellungder einzelnen zu Mensch und Welt ab: durch die Wahl eines der beidenStandpunkte werden seine wissenschaftlichen Ansichten und sein wissen-schaftliches Verfahren ebenso wie seine praktischen Ideale und die Grund-sätze seines Handelns bestimmt.
Deshalb sollte auch in der Geschichte der Anthropologie und Psychologieauf diese Gegensätze der entscheidende Nachdruck gelegt werden, wasleider nur selten oder nie (die D e s s o i r sehe Unterscheidung von Seelen-theologie und Seelenwissenschaft streift das Problem) der Fall ist.
Im folgenden versuche ich — unter scharfer Ausrichtung auf die Anti-these: Geist oder nicht — einen Überblick zu geben über die Ansichten, dieman sich im Laufe der Zeit vom Menschen gebildet hat. In der Auswahlund Anordnung der Schriften liegt das einzige, was ich als mein Eigentumin dieser Übersicht in Anspruch nehmen kann, während die genanntenAutoren selbst sich in jeder Geschichte der Philosophie finden und jedemGebildeten bekannt sind.
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