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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Erster Abschnitt

Das Menschenreich

Erstes Kapitel: Das Wesen des Menschlichen

I

Die Frage:Was ist der Mensch? ist zu allen Zeiten aufgeworfen wordenund hat recht verschiedene Antworten erfahren. Ich teile im folgendeneinige dieser Antworten mit, um dem Leser eine Vorstellung von den vielenMöglichkeiten zu verschaffen, die hier obwalten.

Aus dem Altertum besitzen wir vor allem dieklassisch gewordene De-finition Platons:Der Mensch ist ein zweibeiniges Lebewesen ohneFedern. Uns Deutschen ist diese Begriffsbestimmung deshalb besondersans Herz gewachsen, weil sie unser großer Friedrich sich zu eigen gemachthat. Er spricht von der zweibeinigen ungefiederten Rasse oft, z. B. in denBriefen an Heinrich 27. VII. 1761, an Kurfürstin Maria Ant. v. Sachsen 30. V.1766, an Voltaire 24. X. 1766, an dAlembert 25. XI. 1769 usw. Die Definitionmochte Friedrich deshalb besonders Zusagen, weil sie seiner grenzenlosenMenschenverachtung treffenden Ausdruck verlieh. v

Das Zoon politikon des Aristoteles ist bekannt. Man soll ihm keineallzu große Bedeutung beimessen. Wir besitzen von Aristoteles noch vieleandere, viel geistreichere Definitionen als dieses ziemlich plumpe und ver-kehrtepolitische Tier. Einige davon sind bei S t o b ä u s. Sermon 96, ver-zeichnet und lauten in deutscher Uebersetzung folgendermaßen: Sinnbild derSchwäche, Bild der Wandelbarkeit, eigentlich desUmfallens, ein Gemischaus Schleim und Galle. Ein andermal (de partibus animalium) ist für Aristo-teles der Mensch das aufrecht gehende Tier:Er allein geht unter denlebenden Wesen aufrecht, weil seine Natur und sein Wesen göttlich sind.Cicero: Animal hoc providum, sagax, multiplex, acutum, memor, ple-num rationis et consilii, quod vocamus hominem.

Christentum: Das Ebenbild Gottes .

Augustinus :Homo a veteribus sapientibus ita definitus est: homoest animal rationale mortale 1 ).

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