Vorwort
Dieses Buch stellt den Versuch einer „Anthropologie“ in dem altenSinne dar, den das Wort hatte, ehe es zur Bezeichnung einer naturwissen-schaftlichen Teildisziplin, man muß sagen: gemißbraucht worden ist*).
Das besagt folgendes:
Das Buch enthält eine „Lehre vom Menschen“ soweit diese Lehre sichauf das (Da)„S e i n“ des Menschen bezieht, nicht auf sein „Tun“. Diesesinteressiert uns als Mittel zum Zweck der Erkenntnis dessen, was er „ist“.Nicht also zum Thema gehört die „Geschichte“ oder die „Kultur“, also desMenschen Werk. Auch nicht in ihrer Theorie. Eine solche, in Gestalt•einer Kategorienlehre, hoffe ich später noch geben zu können. Ihr soll dervorliegende Band als Grundlage dienen, indem er die letzten Bestandteiledes Geschehens, dessen „Elemente“ ermittelt.
Die letzten Bestandteile, aus denen sich die menschliche Kultur aufbaut,sind aber der Mensch selbst und die Eide , auf der er lebt. Diese müssenalso in ihrer Eigenart und ihrem Aufeinanderwirken und Aufeinander-angewiesensein richtig erfaßt werden. Zu diesem Behufe habe ich einWissen zusammengetragen, wie ich es für nötig fand, um die Aufgabe zulösen, ohne mich um die zunftgemäße Abgrenzung der bestehenden „Fächer“zu kümmern. Auch ohne von einem bestimmten „Prinzip“ bei der Auswahlgeleitet gewesen zu sein, die ich vielmehr dem bloßen Takte nach vor-genommen habe.
Ob die Auswahl richtig getroffen ist, kann nur der Erfolg lehren, dasheißt aber die Erleuchtung, die von diesem Buche ausgehen wird. Tritt erein, so kann dann erst bestimmt werden, was heutzutage eine geistwissen-schaftliche Anthropologie ist, das heißt: welchen Wissensbereich sie um-faßt. Und hat man sich darüber geeinigt, so kann man dann die Frage zuBeantworten versuchen, ob es sich dabei um eine „neue“ Wissenschaft
*) Über die Geschichte der Anthropologie und den Bedeutungswandel desWortes unterrichtet meine Abhandlung in den Sitzungsberichten der Pr. Aka-demie der Wiss. Phil.-histor. Klasse. 1938. VIII.