Zweiter Abschnitt
Die Taten des Geistes
V orbemerkung
In einer seiner letzten Arbeiten: Die Stellung des Menschen im Kosmos(1930) entwickelte Max Scheler die Grundzüge des Programms einerAnthropologie, das auszuführen ihn der Tod verhindert hat, mit folgendenWorten: „Es ist die Aufgabe einer philosophischen (er meinte: geistwissen-schaftlichen) Anthropologie, genau zu zeigen, wie aus der Grundstruktuides Menschseins... alle spezifischen Monopole, Leistungen und Werke desMenschen hervorgehen: so Sprache, Gewissen, Werkzeuge, Waffen, Ideenvon Recht und Unrecht, Staat, Führung, die darstellenden Funktionen derKünste, Mythos, Religion, Wissenschaft, Geschichtlichkeit und Gesell-schaftlichkeit.“
Die folgende Darstellung enthält die Ausführungen dieses in der Naturder Sache gelegenen Programms.
Dabei fasse ich die verschiedenen Ausstrahlungen des Geistes unter derBezeichnung „Taten des Geistes“ zusammen, als ob es das aktive Einwirkendes Geistes auf unsere Naturhaftigkeit wäre, in dem sich das menschlicheDasein erschöpft.
Viertes Kapitel: Die Gestaltung des individuellen Daseins
I
Man hat häufig den Zustand, in dem der Mensch dahinlebt, mit dem Zu-stande der Domestizierung verglichen, in den wir die Haustiere ver-setzt haben.
Schon Blumenbach, Beiträge zur Naturgeschichte (1806), 38 nennt denMenschen „ein Haustier im wahren Sinne“. In der Weiterführung derBlumenbachschen Gedanken schreibt z. B. De Salles, Hist. gen. desraces humaines (1849), 265: „la domestication de l’homme oscillant perpetuelle-ment entre les extremes de la civilisation et l’dtat sauvage doit avoir modifidl’homme encore plus profondement que les autres animaux domestiques.“ Vgl.Fried r. Rolle, Der Mensch, 2. Ausg. (1870), 211; Th. W a i t z, Anthropologie