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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Geistes und gar nichts anderem). Und nun gilt es, den Reiseplan aus-zuführen. Daß dazu leib-seelische Tätigkeit gehört, sagte ich, sollte sicheigentlich von selbst verstehen. Wenn ich meine Beine nicht in Bewegungsetze und tausend andere Personen durch meine Befehle und Wünsche zurTätigkeit veranlasse, einer Tätigkeit, die sich sehr wohl in Eisenbahnzüge undDampferfahrten umsetzen kann, so komme ich aus meiner Stube nicht heraus.

Was man dabei den Willen nennen will: den Entschluß zur Reise, dieZielsetzung und Wegewahl oder die Naturkraft, die meine Entschlüsse zurAusführung bringt oder beides zusammen, ist letzthin ein Streit um Worte.Die Sache ist so klar wie möglich.

Die meisten Verfasser, die sich über dieses Problem geäußert haben,haben ihre Meinung schließlich in einem Vergleiche, einem Bilde zum Aus-druck gebracht. Diese Bilder sind meistens der Wasserbautechnik entnommen.

So meint Ludwig Klages :Willensanspannung besteht darin, daßwir die Lebensströmung wie zwischen die Wände eines Kanals in derZweckrichtung festhalten. (Wissenschaft vom Ausdruck.) MaxS c h e 1 e r hat einen ganz komplizierten Vergleich mit dem Schleusen-prinzip gemacht: der Geist hebe oder senke nur immer die Schleusentürenund lasse auf diese Weise Lebenskraft (das Wasser) einströmen, wann undwo er es für gut halte. (Stellung des Menschen.)

Der Vergleich ist nicht nur sehr unpoetisch, sondern schlecht. Da findeich in einer altenPsychologie einen viel hübscheren Vergleich, der derSchiffahrtstechnik entnommen ist: 29 )

Mit den andern Lebendigen unserer Sichtbarkeit spielen die Wellen undStürme der sinnlichen Neigungen und Begierden, wie mit einem Fahrzeug,in welchem kein steuernder oder rudernder Schiffer; im Wesen des Men-schen aber waltet ein umblickender, selbstkräftiger Geist, welcher dasSchifflein weithin durch das Meer zum sicheren Hafen [überhaupt: an einvorgestecktes Ziel] zu führen vermag. Wohl erfährt dieser Steuermanndurchs Leben jetzt die wohltätige fördernde und beschleunigende, andereMale die hemmende Kraft der Stürme und Wogen seines Meeres.

Also: der Geist steuert das Schiff, die Naturkraft treibt es.

Aus einer ganz anderen Welt der politisch-militärischen ist ein Ver-gleich genommen, den wir bei Goethe finden 30 ).

Der Mensch ist wie eine Republik oder vielmehr wie ein Kriegsheer.Hand, Fuß und alle Gliedmaßen dienen und helfen zu dem Zwecke, den sichdas Haupt vorgesetzt hat und ermüden nicht, beseelt von der Vorstellungdes Zwecks; darum nennen es (den Geist) auch die Alten das f J fep.ovtxov (dasFührerprinzip). Aber das rjyepovixov muß auch die Einsicht haben und denSoldaten die gehörige Erholung lassen.

Sombarf : Vom Menschen

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