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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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der Naturvölker 12 (1877), 34; Alfred Rüssel Wallace, der große GegnerDarwins: zuerst in einem Aufsatz in der Anthropological Review 1864. Auchdie neuenAnthropologen vertreten die Ansicht, daß der Menschdomestiziertist.Biologisch ist heute die gesamte Menschheit, auch die sogenannten Primi-tiven in derselben Lage wie die domestizierten Tiere. Ihr Stoffwechsel wirdkünstlich und willkürlich beeinflußt; hauptsächlich durch Nutzung des Feuers,womit er Nahrung konserviert, sonst ungenießbare, harte, schwer verdauliche oftsogar giftige Pflanzen genießbar macht usw. Die Fortpflanzung wird durch Sitteund Recht künstlich geregelt. Dadurch wird die natürliche Auslese und Aus-merze oft geradezu ausgeschaltet oder in das Gegenteil verkehrt. EugenFischer in Baur-Fischer-Lenz, Menschliche Erblehre 1 4 (1936) 257 f.

Das ist richtig und ist doch auch wieder nicht richtig. Richtig ist, daßdie Menschen nach Art der Haustiere leben, das heißt, nicht mehr von einemNaturtriebe sicher geführt, nicht mehr naturgemäß, sondern künstlich: desMenschenNatur istKunst; daß also auch alle Kategorien, mit denenwir die natürlichen Lebewesen betrachten, wie Instinkt, Arterhaltung, natür-liche Auslese u. dgl. auf den Menschen nicht anwendbar sind:the humannature is directly antogonistic to the rigid law of natural selection(A. R u s s e 1 W a 11 a c e).

Und doch ist jener Gedanke auch wieder nicht richtig. Deshalb nicht,weil der Akt, mittels dessen die Menschheit in diesen Zustand versetzt ist,so ganz anders geartet gewesen sein muß als derjenige, der zur Domesti-zierung der Tiere führt. Hier ist es ja der übergeordnete Wille des Men-schen, der die Tiere ihres natürlichen Daseins beraubt. Ein solcher Domes-tikator fehlt in der Erfahrung der Menschheit. Da aber eine Selbst-Domesti-kation ein Unbegriff ist, so müssen wir notgedrungen den Vorgang in dieSphäre des Mythos erheben und an einenSündenfall der Menschheitglauben.

Mag man nun in diesem die Herauslösung des Menschen aus dem Mutter-schoß der Natur, mag man in ihm den Akt erkennen, durch den der Menschsich aus der Gemeinschaft mit Gott löst: immer bleibt das Wunder undimmer bleibt die Verführung durch eine außer- oder übernatürliche Macht:den Geist. Er ist es, der den Menschen auf seine Spuren lockt dadurch,daß er in ihm die übermäßige Wißbegier entzündet; denn sie ist es imletzten Grunde, die den Menschen in die Sünde führt: sein Wahn, daß erwissen müsse, was gut und böse ist. In den Akt, mit dem der Mensch dieWelt erfaßt, mischte sich ein zu starker Strahl des Lichtes, der ihn blendeteund unsicher machte. So wurde der Mensch das gebrochene, unausgeglichene,kranke Wesen, als das wir es kennen; ein Wesen voller Mißklang inmitteneiner Schöpfung, die auf vollendetem Zusammenklang aufgebaut erscheint.

Fragen wir, was dieser Begriff der Gebrochenheit im einzelnenenthält, so werden wir, denke ich, folgende Feststellungen machen können.