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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Der Mensch ist, wie wir schon in Erfahrung gebracht haben:

1. das frei handelnde Wesen auf Erden. Das hat in schwungvollerRede schon Pico della Mirandola in der Übersetzung JakobBurckhardts, wie folgt, gewürdigt:Ich schuf Dich, sprach Gott zuAdam, als ein Wesen weder himmlisch noch irdisch, weder sterblich nochunsterblich, allein, damit Du Dein eigener freier Bildner und Überwinder seiest.Du kannst zum Tier entarten und zum göttlichen Wesen Dich wiedergebären.Die Tiere bringen aus dem Mutterleibe mit, was sie haben sollen, die ewigenGeister sind von Anfang an, was sie in Ewigkeit bleiben werden. Du alleinhast eine Entwicklung, ein Wachsen nach freiem Willen, Du hast Keimeeines allartigen Lebens in Dir.

Das bedeutet im einzelnen, nüchterner ausgedrückt: das menschliche Tunist nicht mehr die selbstverständliche, lebenfördernde Äußerung des Nur-Lebewesens, ist nicht mehr instinktmäßiges Tun, das seinen Sinn in sichträgt, sondern sein Tun ist eine Wahlhandlung, ist die autonome Gestaltungeines Willenszieles, das seinen Sinn vom Geiste her erhält. Der Mensch istgleichsam aus der Obhut der Natur entlassen, von deren Gängelbandegelöst, der beständigen Leitung des Schöpfers entwachsen, ist auf eigeneFüße gestellt.Nicht mehr eine unfehlbare Maschine in den Händen derNatur, wird er sich selbst Zweck und Ziel der Bearbeitung (Herder).

Mit dieser Freiheit der Wegewahl ist nun die Möglichkeit gegeben, daßder Mensch in die Irre geht; er ist können wir sagen

2 . das gefährdete Wesen. Das heißt: der Mensch kann richtig oderfalsch handeln, sofern Sonderzwecke in Frage stehen; der Mensch kann seinLeben als Ganzes sinnvoll gestalten oder er kann sinnlos sein Leben ver-geuden. Der Mensch kann sich für Gott oder den Teufel entscheiden: kanngut oder böse sein.

Er kann in die Irre gehen, weil er es nicht besser weiß, er kann aberauch fehlgehen, weil er es nicht anders will.

Daß mit dem Geist der Irrtum zum Menschen gekommen ist, wußteschon Aristoteles (de aniina II.5). Vauvenargues hat dem Ge-danken die kürzeste Fassung gegeben, als er sagte:Personne nest sujetä plus de fautes, que ceux qui nagissent que par reflexions. Schopen-hauer hat ihn am tiefsten begründet: der Irrtum taucht auf beim Men-schen, weil durch dieVernunft (den Geist) eine ganz neue Art von Moti-ven, deren das Tier nicht fähig ist, Macht über seinen Willen gewinnen,nämlich die abstrakten Motive, die bloßen Gedanken (die oft von andernherkommen).Dem Gedanken zugänglich geworden steht er sofort auchdem Irrtum offen.Das Tier kann nie weit vom Wege der Natur abirren:denn seine Motive liegen allein in der anschaulichen Welt, wo nur das