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Mögliche, ja nur das Wirkliche Raum findet: hingegen in die abstrakten Be-griffe, in die Gedanken und Worte geht alles nur Ersinnliche, mithin auchdas Falsche, das Unmögliche, das Absurde, das Unsinnige..„Da nunVernunft allen, Urteilskraft wenigen zu Teil geworden ist, so ist dieFolge, daß der Mensch dem Wahne offen steht, indem er allen nur erdenk-lichen Chimären preisgegeben ist, die man ihm einredet und die, als Motiveseines Wollens wirkend, ihn zu Verkehrtheiten und Torheiten jeder Art, zuden unerhörtesten Extravaganzen... bewegen können.“ 31 )
Oder: der Mensch will nicht richtig (gut), sinnvoll handeln.
Ich teile hier noch die Worte Herders mit, in denen er — allen Späte-ren zuvorkommend, wie es seine Art ist — die Gefährdung des Menschen-kindes zusammenfassend schildert:
„Lasset uns bedenken, ... wieviel die Natur gleichsam wagte, da sie(Vernunft und Freiheit) einer so schwachen, vielfach gemischten Erd-organisation, als der Mensch ist, anvertraute. Das Tier ist nur ein gebückterSklave... der Mensch ist der erste Freigelassene der Schöp-fung... Die Waage des Guten und Bösen, des Falschen und Wahren hängtin ihm: er kann forschen, er soll wählen... (Er hat) in sich die Macht, nichtnur die Gewichte zu stellen, sondern auch ... selbst Gewicht zu sein auf derWaage. Er kann dem trügerischsten Irrtum Schein geben und ein freiwilligerBetrogener werden: er kann die Ketten, die ihn, seiner Natur entgegen,fesseln, mit der Zeit lieben lernen und sie mit mancherlei Blumen bekränzen.
Wie es also mit der getäuschten Vernunft ging, geht’s auch mit der miß-brauchten oder gefesselten Freiheit: sie ist bei den meisten das Verhältnisder Kräfte und Triebe, wie Bequemlichkeit oder Gewohnheit sie festgestellthaben. Selten blickt der Mensch über diese hinaus und kann oft, wennniedrige Triebe ihn fesseln und abscheuliche Gewohnheiten ihn binden,ärger als ein Tier werden“ (folgen die bekannten Worte aus dem „Prologim Himmel“). „Indessen ist er auch seiner Freiheit nach und selbst imärgsten Mißbrauch derselben, ein König. Er darf doch wählen, wenn erauch das Schlechteste wählte; er kann über sich gebieten, wenn er sich auchzum niedrigsten aus eigener Wahl bestimmte.“ 32 )
Der Mensch ist aber
3. das unbefriedigte Wesen:
„Im Weiterschreiten find’ er Qual und GlückEr unbefriedigt jeden Augenblick.“
Dieses Unbefriedigtsein stellt sich in sehr verschiedenen Formen, in sehrverschiedenen Graden dar: von der üblichen Langeweile bis zum herbstenSchmerz und der tiefsten Sehnsucht. Abgestuft dürfen wir annehmen: nachder Größe und Stärke des Geistes.