Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
54
Einzelbild herunterladen
 

54

Und trotzalledem: wir beharren auf unserm Selbstbestimmungsrecht, weilwir nicht anders können. Wir fordern das Schicksal heraus, weil dies unserLos ist. Immer weiter schreiten wir allein in die Welt hinaus blindund immer wieder verirren wir uns. Wir wandern, unbekannte Straßen ent-lang, auf der ewigen Flucht vor dem eigenen Ich, in ewiger Sehnsucht nachder Mutter, in deren Schoß wir uns bergen könnten. Einsam. In der Öde,in die uns der Geist geführt hat: der Geist, der uns betörte, vom Baume derErkenntnis zu essen.

Aber derselbe Geist, der uns solcherweise ins Ungewisse stieß, hat dochauch Mittel und Wege gefunden, uns das Dasein wenigstens erträglichzu machen.

II

Will man das Hilfswerk des Geistes in einem Worte zusammenfassen,so kann man sagen: er hat die Formen geschaffen, in denen sich unserLeben, dieses zerbrochene Leben, bewegen kann, ohne daß es uns ins Ver-derben oder zur Verzweiflung führt.

In einer seiner letzten Arbeiten hat Georg Simmel, als er von derLebensphilosophie bekehrt war, auf diese Funktion des Geistes mit allemNachdruck und, was wichtiger ist, mit schönen, klaren Gedanken hingewie-sen und dargetan, daß das (menschliche) Leben unlöslich damit behaftet ist,nur in der Form seines Widerspiels, das heißt, in einer Form in die Wirk-lichkeit zu treten. Er hat auch auf den Irrtum allerLebensphilosophen hingewiesen, das Leben gegen die Form ausspielen zu wollen und ein Lebenohne Form zu verlangen. Das Leben kann immer nur die eine Form durchdie andere, niemals aber die Form überhaupt durch das Leben selbst als dasder Form Jenseitige ersetzen.

Wir wollen diese Formgebung des Geistes nach drei Richtungen hin ver-folgen: als Ordnungsstiftung, als Befriedung und als Verkleidung.

1. der Geist stiftet die Ordnung, nach der oder in der wir unserVerhalten einzurichten haben und gibt damit unserem Leben Halt undFestigkeit. Die Ordnung ist eine äußere oder eine innere, ist heteronomoder autonom. Jene erscheint als göttliches Gesetz, als Rechts- oder Sitten-gebot, dieses als Moral- oder Pflichtgebot. Es sind gar nicht einmal in ersterReihe die Gebote oder Verbote der Religion oder des Staates, die unserLeben gestalten, wenn sie auch die letzten Entscheide herbeiführen, als viel-mehr die Sitten und Gebräuche des Alltagslebens. Unser ganzes Dasein istgleichsam eingebettet, eingepreßt in ein Formgestell, das der Geist zuunserem Besten aufgerichtet hat. Man denke an den Ablauf des Tages: wievon der ersten Begrüßung in der Häuslichkeit an wir durch unzählige