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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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andere Begrüßunsformen bis zum Gute-Nachtgruß hindurch wandeln; wiewir unseren Tag in feste Abschnitte einteilen, die Bürostunden, die Mahl-zeiten, den Dämmerschoppen streng einhalten (wie ein Automat). Mandenke an die Gestaltung des Lebenslaufes: wie er von wohlgeordneter Feierzu Feier führt: von der Geburtstagsfeier über die Konfirmation und Hoch-zeit zur Totenfeier durch alle gelegentlichen Feste und Feiern hindurch: instrenger Ordnung. Höflichkeit, Anstand, Manieren, Etikette, Zeremoniell,Comment, Tschin sind die Ausdrücke, mit denen wir diese heilsame Ordnungunseres Lebens in aufsteigender Linie zu immer größerer Strenge und Um-fassendheit bezeichnen. Immer, das müssen wir festhalten, sind es Normen,die unsern Lebensregungen die Richtung weisen und die Grenzen steckenund die denknotwendigen Voraussetzungen unserer Existenz bilden. Sietreten also an die Stelle aller Instinkte, denen die Tiere nachleben und ge-stalten unser Dasein zu einem wesensandern, das mit dem der übrigen Ge-schöpfe in keinen, aber auch in gar keinen Vergleich gestellt werden darf.Es ist eben das Dasein eines Geschöpfes, dessen Lebengebrochen ist unddas sich der Leitung des Geistes überantwortet hat.

2. Aber der Geist tut mehr für uns als für Ordnung zu sorgen: er trifft Vor-kehrungen, um unser Dasein zu befrieden. Er stellt um imBilde zu bleiben nicht nur Wegweiser und Warnungstafeln auf, sondernsorgt auch für vorübergehende oder längere Unterkunft.

Wenn wir den Menschen überall und immerdar auf der Flucht vor demeigenen Ich antreffen, so stoßen wir auch überall auf Zufluchtsstätten, dieder Geist geschaffen hat, damit der rastlose Mensch in ihnen ausruhe.

Diese Flucht vor dem Ich tritt am deutlichsten in die Erscheinung, wo sieals Flucht vorderLangeweile erscheint, auf der sich die Menschenbeständig befinden. Und da gilt es, die Erfindungskraft des Geistes zu be-wundern, wenn wir die vielen, vielen Mittel überblicken, die er anzuwendenweiß, um die Langeweile zu bannen. Wie vieleSpiele (nicht zuletzt dasKartenspiel!),Unterhaltungen,Zerstreuungen,Vergnügungen hat erseit altersher den Menschen zur Verfügung gestellt, damit diese den Kampfmit dem Ungeheuer Langeweile siegreich bestehen können! Ursprünglichbrauchte er sich nur um diearmen Reichen zu kümmern, die genugfreieZeit hatten, um von der Langeweile ergriffen zu werden. Dann wurden auch'die Massen deren Beute, sei es, daß sie gar nicht mehr (wie diefreienBürger des späteren Altertums), sei es, daß sie nicht mehr lange genug zuarbeiten hatten. Und da mußte der Staat siezerstreuen mit all denZir-kusspielen, von der Christenhetze angefangen bis zu den harmloseren Schau-stellungen und Verlustierungen unserer Tage, die der Geist ausgeklügelt hat.

Und was in seinen einfachen Formen einVergnügen heißt, das nennt