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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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sich in seinen abgefeimten GestaltungenGenuß. Er ist für die wenigenFeinschmecker Vorbehalten. Wie etwa den Heinrich Faust. Über wievielZauberkräfte verfügt doch Mephistopheles! Aber was er seinem Faust bietet,womit er ihnbefriedigen will, sind schließlich auch nur Zirkusspiele, mitdenen man die müßige Masse zu sättigen trachtet nur in verfeinerter Ge-stalt: ob Gretchen, ob Helena; ob Kaiserdienst, ob Feldherrnruhm: es bleibtein Mittel, das der Geist erdacht hat, um die Langeweile zu töten, den Men-schen von seinem Ich zu befreien.

Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt.

Beliebts Euch überall zu naschen,

Im Fliehen etwas zu erhaschen,

Bekomm Euch wohl, was euch ergetzt.

Aber diese Befriedigung von Fall zu Fall verschlägt auf die Dauernicht. Sie ist dem Eisgetränk in den Tropen zu vergleichen, das den Durstnur immer mehr steigert, je öfter es genossen wird. AlleZerstreuung, allesVergnügen, allerGenuß befriedigen nicht. Sie lassen stets eine Leereund eine Oede zurück, die stärker und stärker werden. Zudem erheischt dieLebensnotwendigkeit, daß der Mensch für seinen Unterhalt sorge und sichnicht bloßvergnüge. So ist der Geist auf ein anderes, wirksameres Mittelverfallen, durch das er den Menschen von seinem Ich befreit. Er hatausder Not eine Tugend gemacht, indem er zunächst die Unterhaltsfürsorgeund danach allerhand andere Beschäftigungen zur Arbeit gestaltete.

Zur Arbeit gestaltete: damit soll gesagt sein, daß die menschlicheArbeit ein Werk des Geistes ist: nur der Mensch arbeitet, dasTier arbeitet nicht. Denn arbeiten heißt Zwecke durch sinnvolle Tätigkeitverwirklichen. Sinvolle Tätigkeit: das ist solche, die einen Anfang und einEnde hat, die mit dem Entschlüsse:ich will oderich soll beginnt, undmit dem Worte:es ist vollbracht schließt, die, wenn irgend möglich sichin einemWerke verkörpert, das als der Ausfluß eines lebendigen Menschenerscheint, das diesererwirkt hat.

In dieser Rhvthmisierung und gleichzeitigen Erfüllung unseres Daseinsliegt das Wesen der echten Arbeit begründet. Es ist ein Krankheitssymp-tom, z. B. bei Zwangskranken, daß bei ihrem Tun der Rhythmus des Be-ginnens und Vollendens fehlt, daß die geschichtliche Gliederung verloren,das Historische darin völlig nivelliert ist 83 ).

Solche echte Arbeit ist vor allem die Berufsarbeit, also diejenige, die not-wendig ist zur Fristung des menschlichen Daseins in seinen verschiedenenGestalten, vornehmlich der der Unterhaltsfürsorge. Aber auch anderenTätigkeiten, etwa Sportveranstaltungen, können die Segnungen der Arbeit