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Siebentes Kapitel: Die Aristotelische Dreigliederung
Im klassischen Altertum hat Aristoteles , eine Jahrhunderte langeEntwicklung abschließend, in seinem Traktat von der Seele eine einwand-freie hoministische „Psychologie“ gelehrt.
Schon Plato hat drei Seelenteile unterschieden: das Logistikon, das Thy -metikon und das Epithymetikon, die den drei „Seelenvennögen“: der Vernunft,der Tatkraft und der Begierde entsprechen sollten. Eine andere Einteilungfindet sich im Timaeus 69. 72, wo er Soma, Psyche und Nus unterscheidet. Diewichtigste Einsicht, daß der Mensch aus drei Teilen — Leib, Seele und Geist —besteht, war damit gewonnen oder sagen wir lieber in ein System gebracht, daschon Pythagoras (geb. 584) die Trinität von Leib, Seele und Geist imMenschen gelehrt haben soll. Der Geist verbindet sich nach Pythagoras erst nach der Geburt mit dem Körper; ihm allein kommen Einsicht und Denken,kommt Vernunft zu.
An diese Pythagoräisch-Platonischen Gedanken knüpft Aristoteles an,indem er drei Teile oder richtiger Stufen der Seele unterschied: die vegetativeSeele (Psyche threptike), die sensitive Seele (Psyche aisthetike) und diedenkende Seele (Psyche dianoetike).
Nur die erste Seele haben die Pflanzen, die erste und die zweite die Tiere,alle drei Seelen hat der Mensch. Das heißt: nur der Mensch besitzt Geist: Nus;das ist das Vermögen des Dianoetikos, das sowohl als Denkvermögen (Logos,Nus theoretikos) als auch als beratschlagende Kraft (Dianoia praktike) tätig ist.
Dieser Nus erscheint in zwiefacher Form: als leidende und als tätige Vernunft.Erst in dieser Form ist er frei, rein und unvermischt, ist er unsterblich und ewig.Erst der tätige Geist macht aus dem Stoffe des Denkens etwas wirklich Gedachtes(er bildet abstrakte Begriffe). Der Geist ist das dem Menschen Eigentümliche;er erscheint wie ein Fremdling in der sichtbaren Natur. (De anima 1.4); er,der allem Leiblichen fern steht, ist scharf getrennt von der Psyche, der Entelechiedes Leibes.
Diese Gedanken verbürgen die durchaus hoministische Gesamteinstellungdes Aristoteles und zeigen, daß es durchaus abwegig ist, ihn wegenseines Ausdrucks: der Mensch sei ein Zoon politikon, dessen Unangemessen-heit ich schon hervorgehoben habe, zu den Zoologen und Naturalisten zurechnen.
Mit dieser Lehre des Aristoteles war, wie mir scheint, alles gesagt,was vernünftigerweise über das Problem zu sagen war. Alle „Psychologen“der Zukunft konnten entweder nur die Gedanken des Aristoteleswiederholen, oder sie konnten Irrtümer verbreiten, indem sie von seinerLehre abwichen. Beides haben sie in reichlichem Maße getan, wie die fol-gende Darstellung erweisen wird.
Diejenige glückliche Menschheit, die in den nächsten anderthalb Jahr-tausenden nach dem Tode des Aristoteles lebte, hat den besseren Teilerwählt, indem sie das Gedankengut, das Aristoteles hinterlassenhatte, bewahrte und pflegte.