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Die wichtigste Leistung, die diese Jahrhunderte vollbrachten, bestanddarin, daß sie die Platonisch-Aristotelische Lehre von der Trinität desMenschen in das Gefüge der christlichen Dogmatik einbauten.
Paulus fußt auf der Dreiteilung, die die griechischen Denker gelehrthatten: „Euer Geist ganz, samt der Seele und Leib (Pneuma, Psyche, Soma)müsse behalten werden unsträflich.“ 1. Thess. 5, 23.
Durch die Aufstellung eines neuen Begriffes, den Paulus mit dem grie-chischen Worte Pneuma 4 ?) bezeichnet und den er in einen Gegensatz zu Nusstellt, kompliziert sich das Problem. Kurz gesagt: Nus im Sinne des Paulusist der menschliche Geist, Pneuma der göttliche, der im bekehrten Menschen,dem Anthropos pneumatikos, Wohnung nimmt.
Wie in einem Tempel ruht dieser Geist im Menschen: „Wisset Ihr nicht, daßIhr Gottes Tempel seid, und der Geist Gottes (To rivsop.a too Dsoü) in Euchwohne?“ 1. Cor. 3,16.
Erst wenn das göttliche Pneuma in die menschliche Natur einzieht, wird diesevollendet. Dieser Geist, sobald er in den Menschen eingegangen, wird identischmit dem eigenen Geist des Menschen. Er ist dann eins mit dem Selbstbewußtseindes Gläubigen: er ist der Geist der Freiheit und der Kindschaft Gottes. Ergriffenwird dieser göttliche Geist durch den Glauben an Christus, durch den wir GottesKinder werden.
Eine nicht ganz deutliche Stellung in der „Anthropologie“ des Paulus nimmtder voo? (Nus) ein. In den meisten Fällen bedeutet er wohl den irdischen „Geist“,die geistige Veranlagung des Menschen, mittels der er immerhin Freude anGottes Gesetz hat. Siehe z. B. Röm. 7, 23. 25. 1. Cor. 14,14 ff. Die ÜbersetzungLuthers trägt nicht zur Klärung der Begriffe bei: an der angezogenen Stelle imRömerbrief übersetzt er Nus mit „Gemüt“; im Korintherbrief (richtiger) mit „Sinn“.
Aber die Terminologie des Paulus ist selber schwankend. Vgl. K. S c h m i d t,Anthropologie, I, 33 f. und die gründliche Monographie von Erich Dinkler ,Die Anthropologie Augustins 1896.
Die Geistlehre wird fortgesponnen von Plotin, Marc Aurel, Augu-stinus : für diesen hat der Mensch sein Sein als natürliches Wesen ver-loren; er läßt sich als Naturwesen nicht definieren; das menschliche Lebenlöst sich aus dem Naturganzen; wir können es daraus nicht ableiten. Gegen-über dem naturhaften Kosmos grenzt sich ein selbständiges Reich ab: dasReich des Menschen 48 ). Geist = mens: „Quo nomine nonnulli auctoreslinguae latine, id quod excellit in homine et non est in pecore,ab anima, quae inest et pecori, suo quodam loquendi more distinguunt“. DeTrinitate XV. 1,1. Der Einbruch des Averro'ismus (12. Jahrhundert) ändertean der Gesamtauffassung, soweit sie uns interessiert, nichts: das selbstän-dige Prinzip des Geistes blieb gewahrt, nur daß dieser nicht mehr als derEinzelseele verhaftet, sondern als ein allgemeiner, an dem alle Einzelseelenin verschiedenem Grade teilhaben, gedacht wurde: „intellectum substantiamesse omnino ab anima separatam esseque unum in Omnibus hominibus“(Averroe s) 49 ).