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Zu einer orthodox-aristotelischen Auffassung vom Menschen kehrteThomas von Aquino zurück. Vor allem vertritt auch er die alleinsinnvolle Auffassung von den drei Bestandteilen des Menschen, von denenzwei die vegetativ-sensitive oder Leib- Seele (anima sensitiva), der drittedie intellektive oder Geist- Seele (anima intellectiva) bilden. „Tres partesanimae communiter ab Omnibus assigantur, scilicet anima vegetabilis,anima sensibilis et rationalis. Ergo tantum tria sunt genera potentiarumanimae.“ Summa theol. 1; qu. 78. art. 1.1.
Auf dieser Grundlage bildete dann die Scholastik, immer im Anschluß an„den Philosophen“, ein System des Geistes aus und dieses System, in demsich alle „Psychologie“ erschöpfte, herrschte so gut wie unbeschränkt beimBeginn der Neuzeit. Mit dieser beginnen Zweifel aufzutauchen an der Gül-tigkeit der aristotelisch-thomistischen Lehre, von denen wir im folgendenKapitel Kenntnis nehmen wollen.
Achtes Kapitel: Der Strom des Animalismus
„Beginn der Neuzeit“ bedeutet den Zusammenbruch der beiden Säulen, aufdenen bis dahin die menschliche Existenz geruht hatte, sofern auf ihnendie Heilanstalt der Katholischen Kirche errichtet gewesen war: Der Ideedes Kosmos, die noch für die „Göttliche Komödie “ die Voraussetzung ge-bildet hatte, und der Idee des Menschen als des Ebenbildes Gottes: der „ge-stirnte Himmel über uns“ und „das moralische Gesetz in uns“ gingen an-nähernd zu derselben Zeit in Trümmern.
Was uns von diesem Auflösungsprozeß hier angeht: mit Beginn der neuenZeit beginnen Stimmen laut zu werden, die die „Vorzugsstellung“ desMenschen in der Schöpfung — (besser wäre statt Vorzugsstellung zu sagen:„Sonderstellung“, da wir uns auf das Urteil, daß diese Sonderstellung einen„Vorzug“ vor der übrigen Kreatur bedeutet, nicht festlegen möchten) ■— inZweifel ziehen. Das erste Anzeichen solcher Zweifel tritt in der Frage zu-tage, die immer häufiger gestellt wird: ob die Tiere eine animarationalis haben: eine Frage, die nach der bis dahin herrschendenAuffassung selbstverständlich zu verneinen war.
In der bekannten „Psychologia anthropologica“ des Rektors Casman(1594) zum Beispiel lautet die questio 3: „an ratio sit brutis communis ac prop-terea non propria hominis forma“ (p. 9). Hier werden zunächst die Stimmensolcher Männer angeführt, die sich zugunsten einer Geistseele in den Tierengeäußert haben: Cicero in seiner Schrift De natura Deorum teilt auch denAmeisen mens, ratio, memoria zu; Quintilian meint: die Tiere hätten zwarkeine Sprache, wohl aber intellectus und cogitatio. Derselben Meinung seiPlutarch . Von den Neueren führt er als Vertreter des Animalismus an:Laurentius Valla, der in seinem Buche de anima „defendit idem acer-