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„wie an dem Tag, der Dich der Welt verliehen,
„die Sonne stand zum Gruße der Planeten„bist allsobald und fort und fort gediehen„nach dem Gesetz, wonach Du angetreten —in diesem Einfluß der Sterne auf die Gestaltung unseres Erdendaseins ver-einigen sich gleichsam natürliche und übernatürliche Mächte und eine eigene„Wissenschaft“, die diese Beziehungen nachwies, die Astrologie hat es mitgroßem Geschick vollbracht, dem schon zweifelnden, aber noch glaubens-bedürftigen Menschen aus der Vereinigung der aufkommenden Naturkundeund dem altbewährten Götterglauben ein sicheres Wissen vorzutäuschen.
Die Lehre vom naturhaften Werden der Einzelperson beginnt erst mit dem„Aufklärungszeitalter“ im weiteren Sinne, wir können auch sagen: mit demZeitalter des Individualismus: in Griechenland seit dem Ende des 5. Jahr-hunderts v. Chr., in Westeuropa vereinzelt im 16. Jahrhundert, in vollemUmfange erst im 18. Jahrhundert.
Es lag nahe, das Schicksal des Menschen, wenn man es schon nicht mehrals einen unmittelbaren und unausgesetzten Ausfluß des unerforschlichenWillens Gottes betrachten wollte (und die Halbheiten der astrologischenDeutung verschmähte;, als das Werk der allmächtigen, den Menschen um-gebenden Natur anzusehen, der in jener Zeit des ersten Abfalls von Gott göttliche Ehren zuerkannt wurden, die gleichsam an Gottes statt trat.
So begegnet uns als erste, allbeherrschende Menschenbildungstheorie dieNatur-Milieu-Theorie, die die Eigenart des Individuums und der Personaus der natürlichen „Umwelt“ abzuleiten versucht, in die der Zufall denMenschen verschlägt: der Mensch wird gemacht durch diese Umwelt.
Mit der Zeit vervollkommnete sich die Milieu-Theorie dadurch, daß sieauch andere als die geographischen Faktoren berücksichtigt, die die Umweltdes Menschen bilden. Dann entsteht die Frage: wie wird der Menschgemacht? Welches sind die Mächte, die ihn formen: natürliche odergeistige Umstände, das geographische oder das soziale Milieu?
Aber gleichzeitig erwacht der Widerstand gegen die Milieu-Theorie über-haupt: man rechnet dem Eigenwillen und der Eigenart des Einzelnen zu, fürwas man vorher das Milieu allein verantwortlich gemacht hatte. So entstehtdas umfassendere Problem: was formt den Menschen: die Umwelt oder derEinzelne selbst?
Die Frage lautet nunmehr: Macht’s der Mensch oder wird derMensch gemacht?
Aber allsobald taucht neben diesem Problem abermals ein anderes auf, dasaus der Doppeltheit des menschlichen Wesens entspringt, in dem sich Naturund Geist einen. Wer ist derjenige, auf den die Gestaltung der Person zu-