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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Frömmler, in den heruntergezogenen Mundwinkeln den Menschenverächter,im kräftigen Händedruck dentreuen Mann kundtut.

Wo solche Zeichen fehlen, ist der Geist nicht sichtbar. Deshalb sieht manes keinem Menschen an: ob er gütig, pflichttreu, dankbar, demütig, mutigist (während man die Angst ihm sehr wohl ansieht); welche religiöse, mora-lische oder politische Gesinnung er hat; ob er sich mit Mathematik oderSanscrit beschäftigt; ob sein Wissen ein zoologisches oder ein historisches ist;ob er Talent zum Dichten oder zum Musizieren hat. (Früher glaubte manden Musikbegabten wenigstens am üppigen Haarwuchs zu erkennen: seitRichard Strauß , der kahlköpfig ist, stimmt auch das nicht mehr.)

Das Ergebnis unserer Erwägungen ist also dieses: wir können es (von denwenigen Ausnahmen abgesehen) dem Menschen nicht ansehen,wesGeistes Kind er ist. Und für den besten Traktat, der diesen heiklen Gegen-stand behandelt, halte ich immer noch das entzückende Gedicht Goethes,das die Überschrift trägt:Das garstige Gesicht und das also lautet:

Wenn einen würdigen Biedermann,

Pastorn oder Ratsherrn lobesan,

Die Wittib läßt in Kupfer stechenUnd drunter ein Verslein radebrechen;

Da heißts: seht hier mit Kopf und OhrenDen Herrn, Ehrwürdig, Wolgeboren.

Seht seine Augen und seine Stirn;

Aber sein verständig Gehirn

So manch Verdienst ums gemeine Wesen

Könnt Ihr ihm nicht von der Nase lesen.

So, liebe Lotte! heißts auch hier

Ich schicke da mein Bildnis Dir.

Magst wohl die ernste Stirne sehenDer Augen Glut, der Locken Wehen;

s ist ungefähr das garstge Gesicht:

Aber meine Liebe siehst Du nicht.

Die zweite Gruppe der Entsprecliungstheorien, die wir als Gehirntheo-rien kennengelernt haben, enthält zunächst die These, daß die Größe des Ge-hirns die Größe der geistigen Fähigkeiten entspreche. Soviel ich sehe, wird aufdiese Feststellung heute inFachkreisen kein entscheidendes Gewicht mehr ge-legt, da die Meßbarkeit des Geistes, die doch die Voraussetzung einer Vergleichungzwischen Gehirn- oder Schädelrahmen und geistigen Fähigkeiten wäre, heute vonurteilsfähigen Forschern als ein unlösbares Problem erkannt worden ist. Die Er-fahrung hat überdies bei der Abwägung der Hirne oder der Messung der Schädelhervorragender Männer manchen häßlichen Streich gespielt.