Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
41
Einzelbild herunterladen
 

41

Denjenigen Theorien, welche bestimmte Artungen des Gehirns mit bestimmtenArtungen des Geistes in korrelative Beziehung bringen wollten, ist es nicht vielbesser ergangen als den Gehirngrößentheorien.

Die Phrenologen alten Stils waren kluge Leute; sie sahen im Menschen nochden Geistträger; sie unterschieden nicht nur zwischen Instinkt und Raison, son-dern auch zwischen Intelligenz und Geist (esprit). Wenn Napoleon, der die LehreGalls derImbecilität zieh, trotzdem mit seinem Urteil das Richtige getroffenhat, so lag der Grund der Imbecilität an dem Sehfehler, an dem diese Leutelitten. Man kann es mit einem Satz ausdrücken: Gail verwechselte das nur Psy-chische mit dem Geistigen. Dieses, da es raum- und zeitlos ist, kann auch nichtan irgendeiner Stelle des Körperslokalisiert sein. Das können auch nur leib-lich-seelische Veranlagungen, die man äußersten Falls als Bedingungen geistigerFähigkeiten ansprechen kann.

Die heutigen Gehirnforscher stehen der Lokalisationstheorie sehr kritischgegenüber. Die einen lehnen sie grundsätzlich ab, aber auch ihre Anhänger, dieLokalisationsfreunde, nehmen doch höchstens Beziehungen an zwischen be-stimmten Gehirnteilen und leib-seelischen Funktionen, meist motorischer odersensitiver Art: Seh-, Hör-, Sprachfunktionen usw. und auch diese nur in Gestaltvon Störungen oderAusfallsymptomen,Abbauerscheinungen. Sie würdenkaum den Mut haben, die Freundschaft, den Hochmut oder die Hoffnung zu lokali-sieren. Leider wissen die heutigen Gehirnforscher häufig nicht mehr wie diealten Phrenologen es wußten, was Geist ist: überpsychische Erscheinungenkommen sie dann nicht hinaus, deshalb an das Problem nicht heran. Ein ver-hältnismäßig hohes Niveau nehmen in der Literatur ein die Arbeiten vonC. v. Monakow: Um den gegenwärtigen Stand der Frage nach der Lokali-sation im Großgehirn, 1902; Lokalisation im Großhirn, 1914; Biologische Ein-führung in das Studium der Neurologie und Psychopathologie (zusammen mitR. Mourgue, der aus der Schule Bergsons hervorgegangen ist), 1930.

Bleibt die erste der von mir unterschiedenen Gruppen von Entsprechungs-theorien zur Prüfung übrig, das war diejenige, die sich mit der allgemeinenFeststellung begnügt, daß die leib-seelische Verfassung desMenschen eine bestimmte Gestalt annehmen müsse, um einembestimmten Geiste als Wirkungssphäre zu dienen.

Für die Richtigkeit dieser These scheint eine Fülle von Erfahrungstat-sachen zu sprechen. Die nächstliegende ist die Beobachtung, die wir machen,daß bestimmteRassen oder Völker bestimmt geartete, voneinander ab-weichende Kulturen aufweisen, in denen also ein bestimmt gearteter Geistsich auswirkt.

Gleich aber regt sich dieser Feststellung gegenüber der lästige Zweifel:woher wissen wir, daß die Linie, die die Entwicklung eines Volkes aufweist,die einzig mögliche war? Konnte es nicht auch anders kommen, wenn dieäußeren Umstände andere gewesen wären? (Vgl. das 26. Kapitel!) Und selbstwenn wir annehmen, daß es nur eine einzige Möglichkeit, sich geistig zu be-tätigen, für dieses Volk oder diese Rasse gegeben hat: was wissen wir darumüber die Zusammenhänge zwischen Leib-Seele und Geist? Wissen wir etwa,