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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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welche Bestandteile der Organismen der Träger dieser Kultur die not-wendigen Voraussetzungen ihrer Geisteserzeugnisse sind? Ihre Gehirn-beschaffenheit oder ihre Augen- und Hautfarbe oder ihr Verdauungsapparat?Und das müßten wir doch, um eine kausale Beziehung zwischen beidenSphären mit gutem Gewissen behaupten zu können.

Die Rasseforscher, an die wir uns in unserer Not wenden, äußern sich über dieMöglichkeit, hier sichere wechselseitige Beziehungen festzustellen, sehr kritisch.

So meint Eugen Fischer : welche leiblichen Bestandteile auch nur dengeistigen Begabungen entsprechen, richtig: welcheGene ihnen zu Grundeliegen, davon wissen wir im Grunde nichts.Ihre Unterschiede in den ein-zelnen Rassen merken wir aus der Verschiedenheit der geistigen Leistungs-fähigkeit der einzelnen Rassen. Baur-Fischer-Lenz, Menschliche Erb-lehre 1 * (1936) 283.

Fritz Lenz will unterscheiden: Haut-, Haar-, Augenfarbe habensoviel wirwissen gar keine direkte Beziehung zur seelischen Eigenart [also noch vielweniger zur geistigen, müssen wir hinzufügen. W. S.]Brünette Hamburger sindim Durchschnitt geistig sicher nicht wesentlich anders veranlagt als blonde. Be-deutungsvoller ist die Gestalt: schlanke Hamburger sind im Durchschnitt nachTemperament und Charakter anders veranlagt als untersetzte.Schlanke Ge-stalt bildet einenAnhaltspunkt für nordische Geistesart [und die andernschlanken Völker wie Araber u. a.? W. S.]. Einen Anhaltspunkt, mehr nicht.Vermutlich (!) äußern sich die meisten jener Erbanlagen, aus denen die geistige.Wesenheit eines Menschen sich aufbaut, auch in irgendwelchen körperlichenMerkmalen oder Zügen. a. a. 0. Seite 759 fl.

Nun ergibt sich aber die weitere Schwierigkeit, daß der in einer Kulturniedergeschlagene Geist gar nicht immer derselbe ist:

Jedes Volk weist alle möglichen politischen und sozialen Daseinsformen,alle möglichen Stilarten in Literatur und Kunst, alle möglichen geistigenHaltungen zu gleicher Zeit oder zeitlich hintereinander auf. Also verträgtsich dieselbe leibseelische Konstitution mit sehr verschiedenem Geiste? Einbedeutender Rasseforscher erklärt z. B. den Geist der französischen Revolu-tion für un-germanisch, hält aber ihre Führer für echte Germanen, in denendann also ein fremder Geist sich ausgewirkt hätte.

Aber die Geschichte lehrt, daß in den Völkern ein plötzlicher Umschwungaus einem Geiste in den anderen stattfindet: dasselbe Volk ist heute kriege-risch, morgen pazifistisch, heute fromm, morgen gottlos, pflegt heute einematerialistische, morgen eine spiritualistische Philosophie, huldigt heute demIdealismus, morgen dem Realismus in Literatur und Kunst, hängt heute demKommunismus, morgen dem Faszismus an usw., usw.: ein Beweis, daß sehrwohl dieselbe Konstitution mit verschiedenen geistigen Gehalten und Hal-tungen sich verträgt.

Andererseits begegnen wir demselben Geiste in sehr verschiedenartigenVölkern: vor 100 Jahren waren alle europäischen Völker romantisch-bieder-