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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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meierisch eingestellt, im 19. Jahrhundert erwachte in allen möglichen Völ-kern die nationale Idee, heutigentags huldigen alle Völker ob schwarz,ob weiß, ob gelb, ob rot dem Technizismus und dem Sportismus.

Und was wir solcherweise als Massenerscheinungen wahrnehmen, findetseine Bestätigung in dem Verhalten hervorragender Einzelpersonen: wirkennen zahlreiche Fälle, die uns zeigen, daß in demselben Individuum imLaufe seines Lebens ein sehr verschiedener Geist wohnen kann: Man denkean Saulus-Paulus; an Fichte, den individualistischen, humanitärenRevolutionär und den sozialistischen Patrioten; an Nietzsche, den pessi-mistischen Anhänger Schopenhauers und Wagners, der zum optimistischenPositivisten und Bizet -Schwärmer wird. Während uns auf der anderen Seitedie Erfahrung lehrt, daß derselbe Geist in historischen Personen recht ver-schiedener Art und Prägung sich verkörpert hat. Man denke an Sokrates und Plato, die dieselbe Philosophie bekannten; an Friedrich Wilhelm I. und Friedrich M., die denselben preußischen Geist in sich trugen, an M a r xund Engels, die dieselben sozialwissenschaftlichen Lehren vertraten unddieselben politischen Ideale hatten. Dieselben Religionen, dieselben Philo-sophien, dieselben politischen und künstlerischen Ideen finden in Lang-schädeln und in Rundschädeln Platz. Ziehen wir alle diese Umstände in Be-tracht, so können wir nicht umhin, uns einzugestehen, daß wir von der Be-dingtheit des Geistes durch Leib und Seele recht wenig wissen.

Wissen wir doch nicht einmal, inwieweit das normale Funktionierenunseres Organismus, das, was wirGesundheit nennen, von Bedeutungfür geistige Tätigkeit ist und ob und in wie weit der kränkliche Leib diegeistigen Fähigkeiten zu höherer Entfaltung bringt. Selbst der Satz:Menssana in corpore sano in der falschen Auslegung, die er heute erfährt, dergemäß er die Tatsache feststellen soll, daß in einemgesunden Körper eingesunder Geist zu wohnen pflegt in Wirklichkeit bedeuten die Wortebei Juvenal (Satirae 10, 356) etwas ganz anderes, nämlich das Gebet:die Götter möchten dem leiblich gesunden Kinde auch einen gesunden Geistgeben: Orandum e s t, ut sit mens sana in corpore sano ... (einen star-ken Geist, der keine Todesfurcht kennt, der pflichttreu und arbeitsam, nichtzornmutig, nicht begehrlich usw. ist) selbst dieser scheinbar einleuchtendeSatz ist nicht über alle Zweifel erhaben. Schon deshalb nicht, weil wir nichtmit Sicherheit feststellen können, was ein gesunder Körper, noch weniger,was ein gesunder Geist ist.

Was aber auf der anderen Seite in zahlreichen Fällen sich beobachtenläßt, ist die Tatsache, daß das, was wir höhere Geistesanlagen und Geistes-taten nennen, sehr häufig in Leibern sich auswirkt, die wir krank zu nennenpflegen. Die These von der Korrelation zwischenGenie und Wahnsinn ist