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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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bekannt und keineswegs erst in der neuesten Zeit aufgestellt wrden. Im klas-sischen Altertum begegnen wir ihr schon. So lesen wir bei Aristoteles (Problematum Sectio XXX) die Anfangsworte:Cur homines qui ingenioclaruerunt melancholicos omnes fuisse videamus? Wobei zu bedenken ist,daß melancholisch damals einen Sinn hatte, der nach Geisteskrankheithinwies.

Der erste moderne Psychiater, der mit aller Entschiedenheit die Thesevon der Bindung der bedeutenden Geister an kränkliche oder kranke Leibei*verfocht und mit einem reichen Beweismaterial als richtig zu erweisen ver-sucht hat, ist, soviel ich sehe, der französische Arzt J. Moreau , dessenbedeutendes längst nicht genügend bekanntes Werk: La Psychologie mor-bide dans ses rapports avec la Philosophie de lhistoire (1859) bis heute kaumüberholt ist. In ihm wird die Ansicht vertreten:La döteriosation de lhommephysique est une condition du perfectionnement de Phomme morale (477,576);La preeminence des facultas intellectuelles a pour condition orga-nique un etat maladif special du centre nerveux (481), Also: der hervor-ragende Mensch kann nicht nur krank sein: er muß es sein.

In der neueren Zeit ist das Thema mehrfach behandelt und das reicheBeweismaterial, das bereits Moreau beigebracht hatte, noch weiter ver-mehrt worden. So namentlich durch Lange-Eichbau m 25a ), der 6 gesundeund 170 pathologische Genies aufzählt. Auch unter den bedeutenden (nichtgenialen) Menschen ist der Vomhundertsatz psychopathisch Veranlagterüberdurchschnittlich, wie schon Fr. Ga 11on feststellen konnte.

Aus den zahlreichen Übersichten über die als pathologisch angesehenenbedeutenden Männer teile ich im folgenden eine kleine Auswahl mit, diedie Approbation eines so hervorragenden Kenners, wie Fritz Lenz ge-funden haben, um mich als medizinischen Laien gegen den Vorwurf leicht-fertigen Urteils zu sichern.

Hysteriker : Paulus, Mohammed, Luther, Loyola, Pascal (war außerdemgelähmt), Rousseau, Moliere, Friedrich M., Napoleon, Blücher, Goethe, Schopen-hauer, Wagner, Nietzsche, Tolstoi ;

Epileptiker : Caesar, Paulus, Mohammed, Franz von Assisi , Alfred d. Gr.,Peter d. Gr., Napoleon, Dostojewski , Luther (?).

Schizzoide Psychopathen: Kant, Friedrich M.

Homosexuelle : Sokrates, Plato, Alexander M., Augustinus, Michelangelo ,Shakespeare .

Die meisten Genies waren erblich schwer belastet.

Joh. Seb. Bach und seine Sippe hatten eine schizzoide Erbanlage;

Goethes Vater war ein ausgesprochener Psychopath; bei seiner Schwesterund seinem Sohne ging die Psychopathie in Geisteskrankheit über; auch seinebeiden Enkel waren schwer psychopathisch (Lenz).

Napoleons Familie war krebskrank. Am Magenkrebs starben sein Vater