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intellektuelle Tätigkeit, durchaus geistig, durchaus innerlich und gewisser-maßen spurlos vorübergehend, wird durch den Laut in der Rede äußerlicnund wahrnehmbar für die Sinne. Sie und die Sprache sind daher Eins undunzertrennt von einander. Sie ist aber auch in sich an die Notwendigkeitgeknüpft, eine Verbindung mit dem Sprachlaut einzugehen; das Denkenkann sonst nicht zur Deutlichkeit gelangen, die Vorstellung nicht zum Be-griffe werden.
Nur durch die Sprache wird also der Geist in den Stand gesetzt, seineeigenen Ideen festzustellen, bzw. sie für sich selbst zu bestimmen, um sienachträglich als Gedanken zu betrachten. Nur durch die Benennung derBegriffe ist Denken möglich. Die Abhängigkeit des Geistes von der Sprache■oder besser: sein Angewiesensein auf diese, die wir hiermit also dargetanhaben, äußert sich aber in zwiefacher Weise: erst leiht die Sprache ihreWörter zur Bestimmung der Begriffe her, dann macht sie diese mitteilbar.
Mit dieser Feststellung, daß Denken und Sprache ein und dasselbe sind,ist aber auch schon der tiefste Sinn der Sprache bezeichnet, der nicht darinbesteht, wie die Psychologisten meinen, Ausdruck der sprechenden Seele zu«ein — „Spricht die Seele, so spricht, ach! schon die Seele nicht mehr!“ —sondern darin, etwas zu bedeuten, das heißt auf einen gegenständlichen•Sinn hin zu weisen: unabhängig — das ist der springende Punkt — von■einem sich hic et nunc vollziehenden Naturprozeß, auf den sprechendenMenschen bezogen: unabhängig von einer bestimmten Gefühls- und Affekt-lage. So hatte es schon Aristoteles gelehrt: daß Sprache da beginnt,"wo der reine Bedeutungslaut an die Stelle des reinen Affekt- oder Er-regungslautes tritt.
Wir erkennen also besonders deutlich in der Sprache das Werk des Geistes,■der allein uns diese Tätigkeit verleiht, in Lauten Sinn kund zu tun, eineBedeutung auszudrücken und können nun mit Wilhelm von Hum-boldt Sprache definieren als „die sich ewig wiederholende Arbeit desGeistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zumachen.“ „Den artikulierten Laut“ — damit ist die letzte wesentlicheEigenart der Sprache bezeichnet, das ist die Artikulation, die wesens-notwendig zur menschlichen Sprache gehört, weil erst durch sie die Laute sogestaltet werden, daß sie deutlich voneinander unterschieden werdenkönnen. Die Artikulation, so kann man es auch ausdrücken, beruht auf derGewalt des Geistes über die Sprechwerkzeuge, sie zu einer der Form seinesWirkens entsprechenden Behandlung des Lautes zu nötigen.
Wir werden die Eigenart der menschlichen Sprache noch deutlicher er-kennen, wenn wir sie in Gegensatz zum Lautgeben der Tiere stellen.„Ich kann meine Verwunderung nicht verbergen, daß Philosophen, das sind