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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Leute, die deutliche Begriffe suchen (?!), je haben auf den Gedankenkommen können: aus diesem Geschrei (der Tiere) den Ursprung der mensch-lichen Sprache völlig zu erklären; denn ist diese offenbar nicht ganzetwas anderes?

Alle Tiere fast, bis auf den stummen Fisch, tönen ihre Empfindungen,deswegen hat doch kein Tier, selbst nicht das vollkommenste, den gering-sten, eigentlichen Anfang zu einer menschlichen Sprache. Man bilde undverfeinere und organisiere dies Geschrei, wie man wolle: wenn kein Ver-stand dazu kommt, diesen Ton mit Absicht zu gebrauchen: so sehe ich nicht,wie ... je eine menschliche, willkürliche Sprache werde ... Diesen Seufzerstieß Herder im Jahre 1770 aus, als der Unsinn noch in den Kinder-schuhen stak. Was würde er heute sagen, wenn er schaudernd erlebte, wieer herangewachsen ist und mit seinem Lärm die Straße erfüllt. Vergehtdoch heute kein Jahr, ohne daß eine neue Affensprache entdeckt würde. Unddie Zurückführung der menschlichen Sprache auf tierische Laute ihreAbleitung aus diesen gehört seit der berühmten Sprachentstehungs-theorie Darwins für jedenVorgeschichtler zum täglichen Brot.Solchem Unfug gegenüber kann die Wesensverschiedenheit zwischen mensch-licher Sprache und tierischem Lautgeben nicht scharf genug betont werden.Und man darf es sich auch nicht verdrießen lassen, das* seit langem alsrichtig Erkannte immer zu wiederholen, da ja der Irrtum laut auf allenStraßen auch immer wieder zu vernehmen ist.

Welches also ist der Sachverhalt?

Daß die Tiere eine große Fülle von Mitteilungsformen haben, ist seit jeherbekannt. Neuerdings hat man (auch hierüber!) eingehende Untersuchungenangestellt, die einen erstaunlichen Reichtum an solchen Mitteilungsformenbei bestimmten Tierarten erkennen lassen. So unterscheidet der norwegischeForscher Schjelderup-Ebbe nicht weniger als 12 typische Laute desHahnes, 11 der Henne; diese sind: Legelaut, Rhythmuslaut, Hennenkrähen,starker Warnungslaut, Girren, Schrei, Drohschrei, zwei Nestlaute, Glucken,Lockruf, kleiner Schrei 39 ). Prof. Bastian Schmid hört sogar 13 ver-schiedene Lautformen bei der Henne, 15 beim Hahn heraus. Ebenso unter-scheiden die Bienenforscher viele verschiedene Töne des Summens. Ambesten als Lautgeber schneidet aber der Hund ab. B. S c h m i d unter-scheidet 7 Formen Bellen, 5 Heulen, 7 Winseln, 1 Jaulen, 6 Knurren,2 Brummen, 1 Mauzen, zusammen also 24 verschiedene Formen des Laut-gebens beim Hunde 40 ).

Aber das ist ebenfalls das Ergebnis aufmerksamer Beobachtung, wassich bei richtiger Auffassung der Sachlage von selbst versteht kein ein-