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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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ziger Tierlaut hat eineBedeutung, die etwa den Artgenossen kund getanwerden sollte. Alle sind sie nur Ausdruck eines Gefühls, einer Stimmung,in die das Tier versetzt wird durch einen Gegenstand, durch ein Vor-kommnis:cest un language demotion ou de sentiment (Renouvier);Wirkung desWillens (in Schopenhauer scher Sprechweise). Sie sindein restlos in der Kategorie der Kausalität verlaufender Naturvorgang.Nirgends findet sich die geringste Spur von Sinngebung, die geringste Spureines Gedankens. Die Tiere reden nicht, weil sie nicht denken. Darumheißen sie auch die Unredenden, altn. 6 maelandi, wie die Unvernünftigen;das griechische aXo^oe (alogos) drückt beides zugleich aus: unredend undundenkend. Bruta mutae bestiae, mutuum et turpe pecus 41 ).

Der Papagei bringt zwar den äußeren Akt des Sprechens, aber kein Ge-spräch zustande. Er versteht sich selbst nicht 42 ).

Ich will hier noch eine Äußerung mitteilen, die mir besonders gewichtigzu sein scheint, weil sie von einem Manne herrührt, der sich sehr viel mitTierpsychologie beschäftigt hat, und trotzdem keineswegs die Unüberbrück-barkeit zwischen Tierwelt und Menschenwelt annimmt, wie sie von mirbehauptet wird: Wolfgang Köhler, der sich in einem Aufsatz überdie Psychologie des Schimpansen (Psychologische Forschungen 1 [1921], 27)wie folgt vernehmen läßt:Auf welche Art sich die Tiere verständigen, istim einzelnen nicht leicht zu beschreiben. Daß ihre phonetischen Äußerungenohne jede Ausnahme ,subjektive Zustände und Strebungen ausdrücken,also sogenannte Affektlaute sind und niemals Zeichnung oder Bezeichnungvon Gegenständlichem anstreben, ist schlechthin gesichert. Dabei kommenin der Schimpansenphonetik soviel ,phonetische Elemente der Menschen-sprache vor, daß sie gewiß nicht aus peripheren Gründen ohne Sprache inunserm Sinne geblieben sind. Mit Mienenspiel und Gesten der Tiere stehtes ähnlich: nichts davon bezeichnet Objektives oder hat ,Darstellungs-funktion.

Vgl. auch die oben auf Seite 67 angeführten Beispiele.

Von alledem bildet die menschliche Sprache, wie wir sahen, den Gegen-satz: sie drückt Gedanken aus und bezeichnet den Gegenstand, ohne daßdas Lautzeichen einen Bezug auf den Affekt des Sprechenden hat. Währenddie Tiere sich aus der Natur heraus äußern, weisen die Menschen mit ihrenWorten auf die Natur als etwas Äußeres hin, was alles aus der uns bekann-ten Wesenheit des Geistes und damit des Menschen mit Notwendigkeit folgt.Deshalb eben ist nur die menschliche Sprache artikuliert, differenziert, be-ruht sie auf der Besonderung, während beim tierischen Naturlaut keineHerausstellung des Lautes aus dem Naturganzen stattfindet. Weil aber die