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menschliche Sprache aus dem Geiste, der tierische Laut aus dem Blutefließt, darum muß jene erlernt werden, ist diese angeboren, darum ist jeneveränderlich, dieser nicht.
„Die Stimme, mit welcher die Tierwelt für alle einzelnen Geschlechter ein-förmig und unabänderlich ausgestattet wurde, steht demnach in unmittel-barem Gegensatz zur menschlichen Sprache, die immer abänderlich ist, unterden Geschlechtern wechselt und stets erlernt werden muß. Was der Menschnicht zu lernen braucht und alsobald in das Leben tretend von selbst kann,das bei allen Völkern sich gleichbleibende Wimmern, Weinen und Stöhnenoder jede anderen Ausbrüche leiblicher Empfindung, das allein könnte demSchrei der tierischen Stimme mit Recht an die Seite gesetzt werden, dasgehört aber auch zur Menschensprache nicht und läßt mit deren Werk-zeugen sich ebenso wenig als der Tierlaut genau ausdrücken, nicht einmalvollständig nachnahmen.“
Diese Wandelbarkeit der Sprache, auf die Grimm hinweist, ist tatsäch-lich ihr wesentlichstes Merkmal. An ihr erkennen wir, daß das Wort ausdem Naturganzen herausgelöst ist und diesem gegenübersteht, wie allerGeist. Nun in seiner Selbständigkeit ist die Beziehung zwischen Laut undBedeutung aufgehoben, kann es in verschiedenen Bedeutungen gebrauchtund zum Bestandteile eines Satzes gemacht werden: in demselben Sinne,in dem die Beziehung der Sprache zum Naturganzen gelöst wird, wird siezum abstrakten Denken hergestellt und festgeknüpft.
Obwohl wir- in der Wesensanalyse der Sprache deren Bedeutung fürdas menschliche Dasein schon mehrfach hervorleuchten sahen,möchte ich doch noch einmal im Zusammenhänge auf diese überragendgroße Bedeutung hinweisen, aus der wir entnehmen müssen, daß die Sprachedoch wohl von allen Werken des Geistes das größte und mächtigste ist,weil es seine Aufbautätigkeit in allen drei uns vertrauten Richtungenerst ermöglicht.
Die Sprache hat Bedeutung zunächst für den Aufbau des indivi-duellen Daseins. Die Sprache, können wir sagen, ist das Organunserer Vernunft, mittels dessen wir unsere geistige Person aufbauen; sie istein unentbehrliches Mittel, das Geistesleben des Menschen zur vollen Ent-faltung zu bringen. Nur durch die Sprache, wissen wir ja, lernen wir ver-nünftig denken. Durch die Sprache allein werden Wahrnehmen, Anerken-nung, Zurückerinnerung, Besitznahme: eine Kette der Gedanken erst mög-lich und damit wird unser geistiges Wesen zu einer Einheit und Ganzheitgerundet. „Die Bildung der Allgemeinbegriffe und die Loslösung des Selbst-bewußtseins vom naiven Erleben vermag der Mensch nur zu vollziehen inund mit der Sprache.“