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„Die Hervorbringung der Sprache ist ein inneres Bedürfnis der Mensch-heit, nicht bloß ein äußerliches, zur Unterhaltung gemeinschaftlichen Ver-kehrs, sondern ein in ihrer Natur selbst liegendes, zur Entwicklung ihrergeistigen Kraft und zur Gewinnung einer Weltanschauung, zu welcher derMensch nur gelangen kann, indem er sein Denken an dem gemeinschaftlichenDenken mit andern zur Klarheit und Bestimmtheit bringt, unentbehrliches.“{W. v. Humboldt.)
Die Sprache hat Bedeutung ferner für den Aufbau der mensch-lichen Gesellschaft, die sie ebenfalls erst möglich macht. Das volleWesen der Sprache entfaltet sich ja erst im Verkehr des Menschen mit seines-gleichen. Alles Zusammenleben in Staat und Famlie, alles Zusammen-arbeiten, alles Zusammendenken und Zusammenfühlen ermöglicht erst dieSprache, wie folgende Erwägungen zeigen.
Auf die Fähigkeit des Sprechens begründet Aristoteles (Pol I. 1) mitRecht den Staat, der ein Menschenwerk sei, weil nur der Mensch zu sagenvermöge: was Gut und Böse, was Recht und Unrecht ist: die Voraussetzungalles staatlichen Lebens, während die Tierstimme, die cpwvvj (phone) nur dieEmpfindungen des Angenehmen und Unangenehmen auszudrücken vermöge:ein Zuiov ttoXitixov (zoonpolitikon)ist der Mensch,weil er dieSprache besitzt.
Alles Zusammenwirken mehrerer in Staat und Wirtschaft setzt die Ver-ständigung über den gemeinsamen Plan und die Verteilung der Funk-tionen unter den einzelnen Mitwirkenden voraus. Da uns kein Naturtriebzur Gemeinschaftsarbeit zusammenführt, wie Biene oder Ameise, so müssenwir uns — jeder den anderen —■ über unsere Absichten verständigen undauf dem Laufenden halten: wie anders sollte dies geschehen als durchWorte, die zur Bezeichnung jedes Gegenstandes und jeder Vornahmegeeignet sind, einer Sprache, „qui permette, ä tout instant, de passer de cequ’on sait ä ce qu’on ignore. II faut un langage dont les signes... soientextensibles ä une infinite de choses. Cette tendance du signe ä se transporterd’un objet ä un autre est caracterlstique du langage humain.“{H. B e r g s o n.)
Aber nicht nur zu notwendigen Werken verbindet die Sprache den Men-schen: auch der freie Gedanken- und Gefühlsaustausch, der erst die Men-schen zu Menschen macht, hat die Sprache zur Voraussetzung. Sie ist das„Band der Seelen“, das Werkzeug der Erziehung und Belehrung, die Voraus-setzung aller Spiele und aller geselligen Vereinigung.
So eint die Sprache die Menschen im Raum. Sie verbindet sie aber auchin der Zeit, sie knüpft das Band, das die Geschlechter umschlingt. „Worte