dienen dazu, den ganzen Vorrat von Kenntnissen, der durch die vereintenBemühungen von Forschern aller Zeiten und Völker gewonnen worden ist,in den Gesichtskreis jedes Einzelnen zu ziehen und ihn in seinen Besitz zubringen“ (Berkeley).
Die Sprache wird bei diesem Geschäft wesentlich unterstützt von ihrerjüngeren Schwester, der Schrift.
„Die Schrift.. dient, das durch den Tod unaufhörlich unterbrochene unddemnach zerstückelte Bewußtsein des Menschengeschlechts wieder zur Ein-heit herzustellen; so daß der Gedanke, welcher im Ahnherrn aufgestiegen,vom Urenkel zu Ende gedacht wird: dem Zerfallen des menschlichen Ge-schlechtes und seines Bewußtseins in eine Unzahl ephemerer Individuenhilft sie ab und bietet so der unaufhaltsamen eilenden Zeit, an deren Handdie Vergessenheit geht, Trotz ... Offenbar war es auch der wirkliche Zweckder steinernen Denkmale, zu spätesten Nachkommen zu reden, in Bezie-hung zu diesen zu treten und so das Bewußtsein der Menschheit zur Einheitherzustellen.“ 44 )
Man kann diesen Sachverhalt auch so ausdrücken, daß man sagt: dieSprache ist es, die nicht nur die Gesellschaftlichkeit, sondern auch dieGeschichtlichkeit der Menschheit auf ihren starken Schulternträgt. Die Geschichtlichkeit der Menschheit wird durch die Tradition, auchein Werk des Geistes, über das wir uns im weiteren Verlauf unserer Unter-haltung noch genauer verständigen werden, bewirkt. Aber machen wir unsklar, daß die Tradition die Sprache zur Voraussetzung hat: ohne diese keineSchrift, ohne diese aber auch keine Denkmale aus irgend welchem Stoff, diezu den Nachkommen „reden“ könnten. Die Tradition wird nur durch dieBedeutung dieser Denkmale hergestellt. Diese Bedeutung beruht aber aufder Sprache. Nur weil ich weiß: dieses ist ein Haus, dieses ist ein Grab,dieses ist ein Tempel, fühle ich mich mit den Vorfahren „verbunden“. Diesesgeistige Band, das die Sprache knüpft, fehlt dem Bienenschwarm, der ineinem alten Stock, den Füchsen, die in einem alten Bau sich niederlassen.
Die Funktion der Sprache, die Menschen in Raum und Zeit zu verbinden*ihre Gesellschaft und ihre Geschichte zu ermöglichen, deutet, wie die letztenErwägungen erkennen lassen, auf ihren Anteil an dem dritten Bereich vonTaten des Geistes hin, die ich den Aufbau der Kultur nennen wollte;wobei ich, wie noch darzutun sein wird, vor allem an die Schöpfung vonKulturgebilden gedacht habe. Von ihnen handelt das folgende Kapitel. Hierwill ich nur noch feststellen, daß sie alle ebenfalls der Sprache bedürfen,um wirklich zu werden, daß sie also nicht da wären, wenn die Sprache nichtwäre 45 ). Die folgenden Ausführungen werden das erweisen.