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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Sechstes Kapitel: Die Gestaltung der KulturI

Es ist ein neuer Aspekt, unter dem wir hier die Tätigkeit des Geistes be-trachten, ohne daß diese immer durchaus eine andere wäre als die bishergewürdigte. Indem der Geist das individuelle und gesellschaftliche Daseinaufbaut, hat er auch schon Kultur geschaSen und er tut dies in weiterenAkten. Diese Zusammenfassung sämtlicher Geisttaten unter dem Gesichts-punkte der Kultur, wie ich sie in diesem Kapitel vornehme, erscheint frucht-bar, wie die Darstellung, hoffe ich, erweisen wird. Da werden wir uns nunzunächst verständigen müssen, was wir unter dem Begriffe derKultur zusammenfassen wollen.

Unter Kultur wollen wir hier alles Menschenwerk verstehen: Kul-tur ist die Schöpfung des Menschen, die er der göttlichen Schöpfung: derNatur entgegensetzt. Mit jedem Akte, der dauernde Spuren zurückläßt,schafft der Mensch Kultur. Der Begriff ist hier also ohne jede Beziehungauf den Inhalt des Geschaffenen, ebenso aber auch ohne jede Wertbetonunggemeint: weder enthält das Wort Kultur einen besonderen Sinn im Gegen-satz zu Zivilisation, noch können wir es gebrauchen, um einem Menschenoder einem Zustand eine Bewertung zuteil werden zu lassen, indem wirsagen: ein Mensch oder ein Land habe Kultur im Gegensatz zu einemanderen, dem wir sie absprechen. Jeder Mensch und jedes Land wie jedeZeit haben in unserm Sinne Kultur. Anders ausgedrückt: der Gegensatzzur Kultur in dem hier gebrauchten Verstände des Wortes ist nicht Un-Kultur, sondern Natur.

Je nachdem die Schöpfung des Menschen, also seines Geistes, sich imInnern der einzelnen Person oder außerhalb der Individuen darstellt, unter-scheiden wir subjektive und objektive Kultur.

Die subjektive oder persönliche Kultur, die wir auchEigenkultur nennen können, ist soviel wie die Bildung des Menschenim weitesten Sinne. Der durch gymnastische Übungen durchgebildete Leibgehört ebenso zur persönlichen Kultur wie die in langen Leiden geläuterteschöne Seele. Aller moralischer Charakter wie alles Wissen und Könnender Person ist Kultur, ist Geistschöpfung.

Meist denken wir, wenn wir von Kultur schlechthin sprechen, an das-jenige, was wir die objektive Kultur zu nennen gewohnt sind. Dar-unter verstehen wir alle Schöpfungen des Geistes, die außerhalb der ein-,zelnen Menschen Dasein und Bestand haben. Daß sich die menschlicheTätigkeit in äußeren Dingen verkörpert, ist nichts dem Menschen Eigen-tümliches: jedes Vogelnest, jeder Termitenbau, jedes Fuchsloch erweisen,