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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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daß auch das Tier sich nach außen projizieren und dauernde Werke schaffenkann, die außer seiner selbst ihr Dasein haben. Das besondere Menschlichedaran ist die Eigenart dieser Werke: daß es nämlich Sinngebilde sind, indenen sich die Schöpfungen des Geistes darstellen. Der Gegensatz zwischenmenschlichem Handeln aus Freiheit und tierischem Tun aus Trieb, der unsaus früheren Betrachtungen bekannt ist, zeigt sich in den Äußerungen, denWerken von Mensch und Tier. Eine in der Vorzeit genützte Bärenhöhle undeine Menschenwohnung in Höhlenform, die derselben Zeit angehört, werdendem heutigen Beschauer als etwas durchaus und wesentlich Verschiedeneserscheinen: die Bärenhöhle ist ein W e i 1 - Erzeugnis und darum ein reinesNaturprodukt, die Menschenhöhle ein Umzu-Erzeugnis und darum einKulturerzeugnis: an irgendeinem, vielleicht ganz unscheinbaren Merkmalwird der Geist aus der Menschenwohnung herausscheinen: hier ist etwasgemacht, damit... (etwa ein müde Heimkehrender ausruhen kann).

Diese Sinngebilde, in denen der Geist sich darstellt, sichobjektiviert,haben sehr verschiedene Arten zu existieren, wie der technische Ausdrucklautet: sehr verschiedene Seinsweisen. D a sind sie außerhalb desmenschlichenBewußtseins zunächst als geistige Gestalten. Wobei wirdahingestellt sein lassen (weil die Erörterung dieser Frage uns in den Be-reich der Metaphysik verschlagen würde) ob sie als solche schon vor derHerausstellung durch den menschlichen Geist da waren: ob Beethoven dieNeunte (aus dem Nichts) geschaffen oder nur aus der Ewigkeit her-ausgerissen und auf die Erde gebracht hat. Als geistige Gestalten sinddiese Menschenwerke an keinen Stoff gebunden: die Kathedrale von Reims ist auch nochda in der geistigen Welt, nachdem sie zerschossenist, die Runges, Friedrichs, Schwindts sind auch nochda, nachdem ihrestofflichen Hüllen im Glaspalast verbrannt sind. Was bei Werken derbildenden Kunst uns Schwierigkeiten bereitet, es uns vorzustellen, erscheintfast selbstverständlich bei abstrakten Gebilden, wie dem PythagoreischenLehrsatz oder dem Kategorischen Imperativ. Wir wollen den in diesengeistigen Gestalten niedergeschlagenen Geist den reinen Geist nennen.

Ein irdischeres Dasein haben diejenigen Werke, die in irgendeinem Stoffverkörpert sind, sei dieser auch nur ein Symbol. Die verschiedenen Schöp-fungen des Geistes sind in sehr verschiedenem Maße stoffverhaftet. Währenddie einen einer Fülle von Stoff bedürfen, um sich darzustellen: wie dieWerke der bildenden Kunst, haben andere nur kleine Fetzen von Stoff nötig,um sich zu versinnlichen: die Dichtwerke, die Schöpfungen der Philosophieund der Wissenschaft sind in wenigen Buchstaben, die Werke der Musikin wenigen Noten gleichsam symbolisiert und verstofflicht; die Sprachestellt sich uns in einem dürren Schema von grammatikalischen Sätzen dar.