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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Wir wollen denjenigen Geist, der in irgendeinem Stoffe verkörpert ist,den gebundenen Geist nennen. Seine Existenzweise ist also ge-knüpft an Dinge, die Motten und Rost fressen. Mit ihnen verschwindet eraus dieser Welt: mit dem Verlust der letzten Partitur gäbe es keineBeethovensche Musik, mit der Verbrennung des letzten Exemplars keinenGoetheschenFaust mehr. Es sei denn: ein Mensch habe das Werk insich aufgenommen und dort bewahrt. Damit denken wir eine dritteExistenzweise des objektiven Geistes aus, den wir in dieser den leben-digen Geist nennen wollen, weil er nämlich in einem lebendigen Men-schenda ist. Daß er auch einen Teil der persönlichen Kultur diesesMenschen bilden hilft, verschlägt nichts. Wir betrachten ihn hier als objek-tiven Geist, der in einem Menschen west und dadurch lebendig geworden ist.

Wir setzten den Fall, daß gebundener Geist verschwunden sei, weil seinTräger-Stoff vernichtet war, und daß er als lebendiger Geist sein Daseinweiterfristet. Viel häufiger aber ist der Fall, daß gebundener Geist da-neben lebendiger Geist ist und diese doppelte Möglichkeit geistigerExistenz ist der besonderen Beachtung wert wenn nämlich und soweitgebundener Geist in den Lebensstrom hineingezogen wird dadurch, daß ihnein Mensch wahrnimmt. Jede Sprache isttot, sobald sie nicht ge-sprochen wird, jedes Buch, solange es nicht gelesen wird, jedes Musikstück,wenn es nicht gespielt wird (oder die Noten gelesen werden), jedes Kunst-werk, wenn es nicht beschaut wird. Das Gesetzbuch des Hammurabi , dieVenus von Milo waren da in der Gestalt des gebundenen Geistes all dieJahrhunderte, während welcher sie verschollen und den Menschen unbekanntwaren: sie wurden lebendig in dem Augenblicke, als ein Mensch sie beachteteund auf sich wirken ließ. Noch heute kehrt die holde Frau Venus täglich vonnachmittags 4 Uhr bis um 10 Uhr am nächsten Vormittag (solange nämlichdas Museum des Louvre geschlossen ist) in das Totenreich zurück und harrtvon 10 Uhr ab jeden Tag der Erlösung durch ein Paar Menschenaugen, dieihre Strahlen auf sie richten. Es kann sie freilich auch ein ferner Freund er-lösen und zum Leben zurückrufen, wenn er in seiner Erinnerung ihr Bildlebendig werden läßt. So kann es sich sogar ereignen, daß reiner Geistlebendig wird, und daß einst gebundener Geist auch nachdem sein Stoff, indem er verkörpert war, zerfallen ist, doch wieder lebendig wird, weil er indie Erinnerung eines Menschen getreten ist. Ich kann mir denken, daß dieverbrannten Kostbarkeiten der romantischen, deutschen Malerei, von denenich schon sprach, lebendiger geworden sind durch die Zerstörung ihrer stoff-lichen Hülle, weil nun viele, die sie einst in sich aufgenommen hatten, sichlebhaft ihrer erinnerten (wobei sie ja durch die heute allgemein verbreitetenWiedergaben kräftig unterstützt werden konnten). Vgl. auch Kap. 2 .