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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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religiöser, politischer, ökonomischer oder anderer Interessen gebildet wür-den. Die Menschen stünden sich also in Konfessionen, Staaten, Klassen,Berufen, Vereinen aller Art gegenüber, würden aber dieselbe Sprachesprechen. Das würde aber bedeuten, daß der einzelne in der Stilbildungseines Wesens auf den Einfluß jener Gruppen, in denen ja einseitige Internessen gepflegt würden und die untereinander in keiner Verbindung stünden,angewiesen wäre. In allen übrigen Lebensäußerungen würde er auf sichselber gestellt und damit der Vereinzelung ausgesetzt sein.

Die Zugehörigkeit zum Volke, durch die Sprache vermittelt, gibt aberdie Gewähr, daß der ganze Mensch ein von ihm nicht gewolltes, nichtgewähltes, durch die Tradition bewährtes Gepräge empfängt. Denn dievölkische Tradition erstreckt sich auf alle Gebiete des. menschlichenDaseins: von den Formen der Nahrung, Kleidung, Wohnung bis zu denWerken der Kunst, der Sitte, der Weltweisheit, der Kirche. Sie trifft fürden Menschen den Entscheid und sorgt dafür, daß sein Wesen in bestimmteBahnen gelenkt wird und er nicht in die Irre geht. Sie schafft Gemeinsam-keit, Einheit, Stil.

Und zwar das ist der andere ebenso wichtige Punkt auf ihre beson-dere Art, da sie sich von der Tradition der anderen Völker unterscheidet-

Diesem gleichsam erzieherischen Wert der Völkerverschiedenheit steht ihrbereichernder Wert zur Seite.Durch die Mannigfaltigkeit der Sprachenwächst unmittelbar für uns der Reichtum der Welt und die Mannigfaltigkeitdessen, was wir in ihr erkennen; es erweitert sich zugleich dadurch der Um-fang des Menschendaseins und neue Arten zu denken und empfinden stehenin bestimmten und wirklichen Charakteren vor uns da. Der Grundgedankein der Sprachphilosophie Wilhelm von Humboldts bleibt zu rechtbestehen, daß die Fortbildung des menschlichen Geistes zur Voraussetzungdie Verschiedenheit des Baues der Sprachen hat.

Das also ist der Sinn der Völker in ihrer Vielheit:daß sie die Einheitlichkeit in der Mannigfaltigkeit schaffen, daß sie Buntheitohne Stillosigkeit ermöglichen, daß sie damit die Aufgabe der Menschheiterfüllen helfen.

Denn stets müssen wir eingedenk sein der Tatsache, daß aller Sinn derVölker seine Erfüllung nur findet in dem Sinne der Menschheit, weil nurdiese die Gesamtheit menschlichen Wollens und Vollbringens umfaßt.Diese und ihre Aufgabe sind das Ganze die einzelnen Völker sind dieTeile, die in ihrer Vereinzelung Stückwerk bleiben. Dort ist das ganzheit-liche Tonwerk, hier sind die einzelnen Stimmen. Nur von dieser höherenWarte aus können wir uns auch ein richtiges Urteil über den Wert dereinzelnen Völker bilden in dem Sinne, wie wir es oben versucht haben, in-

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