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verschaffte vielleicht einigen geistigen Feinschmeckern einen Gaumenreiz,,könnte aber von weittragender, verhängnisvoller Wirkung auf den Gebietendes öffentlichen Lebens, zum Beispiel in der Politik, sich erweisen. Siekönnte etwa dazu führen, daß Angehörige eines bestimmten Volkes Mängelbei sich und Vorzüge bei einem andern wahrnähmen, und das soll nichtsein. Ebensowenig wie es einen vernünftigen Sinn hat, den Bräutigam überdie Schäden der Braut mittels „wissenschaftlicher“, „objektiver“ Fest-stellungen aufzuklären, ebenso töricht ist es, objektive Feststellungen überdie Völker zu machen. Diesen Gedanken hat einmal Clausewitz in einersehr bestimmten Form ausgesprochen, wenn er schrieb 121 ): „Wir haben zuwenig heilsame Vorurteile; der echte Geist der Kritik, der in uns wohnt,sucht das Gute überall auf wie das Böse; er gibt also andern Nationen ihrVerdienst und deckt die Fehler der eigenen auf — dies zerstört den Natio-nalsinn, der seine größte Stärke in Vorurteilen hat.“
Und von Klopstock besitzen wir die Verse an Deutschland gerichtet:
Ähnlich haben Herder u. a. geurteilt.
Wieder einmal stoßen wir hier an eine Grenze der Wissenschaft undlernen an dieser Stelle die Überlegenheit der leidenschaftlichen und darumparteiischen Betrachtungsweise kennen.
Nachdem wir nun die Völker von allen ihren Seiten betrachtet haben,drängt sich uns die Frage auf: welches denn die Bedeutung, der immanenteSinn dieser Bildungen sei, die ihr Gepräge, wie wir wissen, in der Form, inder sie hier allein in Betracht kommen — als Sprachvolk — durch dieSprache erhalten, so daß wir unsere Frage auch dahin stellen können,welches denn der Sinn der Sprachensonderung sei. Wir fragen nicht, obdiese ein Fluch, wie in der Auffassung der Bibel, oder ein Segen sei — derEntscheid darüber steht der Wissenschaft nicht zu. Wir fragen vielmehrnur, wie durch die Sprachsonderung das Schicksal der Menschheit eigen-artig gestaltet wird.
Die Antwort auf diese Frage werden wir am ehesten finden, wenn wiruns die Möglichkeiten vorstellen, die sich für das Menschendasein ergäben,wenn auf der Erde nur Eine Sprache gesprochen würde.
Da der Mensch einen „Herdentrieb“ hat, so würde er sich auch dannzweifellos zu Gruppen zusammenschließen, die durch die Gemeinsamkeit
„Nie war gegen das Ausland„Ein ander Land gerecht wie Du;
„Sei nicht allzu gerecht! Sie denken nicht edel genug,„Zu sehen, wie schön der Fehler ist!“
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