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Offenbar liegt doch die Fülle der echten Werte hinter allen diesen mengen-mäßig erfaßbaren Leistungen. Was aber sollen wir mit diesem Reste, derdie Hauptsache ist, anfangen?
Man könnte folgendes versuchen: Zunächst sich auf eine Rangordnungder Werte zu einigen, die auch für die Völker Gültigkeit hat, also etwa diefolgende bekannte Stufenreihe der Werte gelten lassen: heilige, geistige,heldische, Nützlichkeits- und Annehmlichkeitswerte. Dann könnte mandie wichtigsten Leistungen der Völker auf diesen fünf Gebieten festzustellenversuchen. Da ergibt sich nun aber alsobald die Schwierigkeit, die Größeder Werte auch nur einer und derselben Art gegeneinander abzuschätzen:wer soll höher bewertet werden von den Reformatoren, von den Dichtern,von den Feldherrn, von den Erfindern der verschiedenen Länder? Wozudann die weitere, große Schwierigkeit hinzukommt, daß in einem und dem-selben Volke verschiedene Arten von Werten verwirklicht sind: wie sollendiese gegeneinander abgewogen werden, was doch geschehen müßte, dadas Volk als Wertganzes eingeschätzt werden soll. Hier versagt das besteTestverfahren.
Wenn beispielsweise ein Volk zu seinen großen Männern zählt: Cromwell,Shakespeare, Maxwell; das andere: Voltaire , Napoleon, Pasteur; das dritteLuther, Friedrich M., Goethe: wer vermöchte zu entscheiden, welches Volkdas wertvollere sei? Aber nicht genug damit. Der Wert eines Volkeswird sicherlich nicht ausschließlich bestimmt durch den Wert und die Lei-stungen seiner großen Männer; es gibt anderes, wodurch ein Volk sich aus-zeichnen kann: Frömmigkeit, Disziplin, Ordnungssinn, Arbeitsamkeit, Musi-kalität, Güte, Hilfsbereitschaft, Humor, Tapferkeit, Opfermut, Rechtsinn,Anständigkeit in breiten Schichten. Wie sollen sie bei einem Wettbewerbeeingeschätzt werden? Und sie müßten es doch.
So werden wir uns bescheiden und mit dem sehr summarischen Urteilbegnügen müssen, daß es reichere und ärmere, edlere und weniger edle,hochwertige und minderwertige Völker gibt. Daß aber alle unmittelbarzu Gott und in seinen Augen vielleicht gleichwertig sind, daß jedes Volk,statt sich mit seiner Überlegenheit zu brüsten, sich bemühen soll, die ihmeigenen Werte zur Verwirklichung zu bringen, und daß in der Vielseitigkeitder Volkseigenarten ihr Wert im Angesicht der Ewigkeit zu finden ist.
Am Schlüsse dieser kritischen Bemerkungen wollen wir uns aber wiedereinmal zum Bewußtsein bringen, wie schon so oft in diesem Buch, daß dieUnvollkommenheit unserer Erkenntnis keineswegs als ein Übelstand emp-funden zu werden braucht, daß vielmehr die Wissenschaft mit ihrem Be-streben hier „Klarheit“ schaffen zu wollen durchaus sich auf einem Irrwegebefindet. Die „Klarheit“ nämlich, die sie etwa herbeiführen würde,
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