ausüben. Dieses Insgesamt ist in keinem Falle natürlich, sondern immerkünstlich (auch wo die Gegenstände, die die Umwelt bilden, naturhaftesind). Denn es wächst nicht aus der Einordnung des Lebens in die natür-lichen Lebensbedingungen, sondern wird vom Geist ohne Rücksicht auf die'Lebensnotwendigkeiten geschaffen: Die primitivste Siedelung erweist diesengrundsätzlich anderen Sinn, der den Begriff Umwelt für den Menschen hatwie für das Tier. Zwar wählen auch die Menschen, soweit sie es vermögen,die ihrer „natürlichen“ Neigung entsprechenden Siedlungsgegenden aus{worauf Goethe als erster hingewiesen hat); aber: bei dieser Wahl selbstist schon ein geistiges Moment mitbestimmend und — andererseits — istselbst die angepaßteste Gegend doch kein animalisch angepaßtes Milieu. DerFuchs kann nicht sagen: wenn der Boden mir nicht gestattet, eine Höhle zubauen, dann werde ich eben auf Bäumen leben: der Mensch hingegen kannso sprechen.
Die menschliche Umwelt ist immer und überall eine zweite Welt, die derMensch mit Hilfe seiner Arbeit schafft und die die natürliche Umwelt an diezweite Stelle rückt. Darum ist es dem Menschen auch gleichgültig (inner-halb sehr weit gesteckter Grenzen), wo auf der Erde er sein Domizil auf-schlägt. Und man kann schließlich in Zweifel geraten, ob der Mensch über-haupt eine Umwelt hat, oder ob er „in der Welt lebt“. Sicher hat er keineHeimat, keinen Ort auf dieser Erde, die seinem Selbst völlig gemäß wäre.
2. Die verschiedenen Arten der Umwelt.
Aus der grundsätzlich geistigen Einstellung des Menschen zur Welt folgt,daß jeder einzelne seine besondere Umwelt hat. Zwar kann es Lagen geben,die für mehrere oder viele Personen gleich sind, aber auf jede üben danndoch noch besondere Dinge ihren Einfluß aus, so daß sie seine Lage eigen-tümlich gestalten. Der Arbeiter, der in einer mechanischen Weberei arbeitet,unterliegt zwar demselben ohrenbetäubenden Lärm, lebt in derselbenstickigen Luft wie seine Arbeitsgenossen, aber seine Umwelt wird doch erstdadurch bestimmt, ob er vier oder sechs Webstühle bedient, welches Musterer webt, welches Licht auf seine Arbeitsstätte fällt. Zur Umwelt jedesGelehrtensohnes gehören die mit Büchern vollgestopften Räume, derenInhalt aber nur für denjenigen, der Interesse für sie hat. Die italie-nischen Stiche im Treppenhause Hirschgraben 9 bildeten für den jungenPatriziersohn eine belebende Umwelt, die für das Dienstmädchen in dem-selben Hause nicht vorhanden war. Regenwetter bedeutet etwas ganzanderes für denjenigen, der einen Regenmantel hat, als für denjenigen, derkeinen hat; der Boden etwas anderes für den Bauern, der einen steinigenAcker pflügen muß als für denjenigen, der glatt pflügen kann.